Den Preis, den er dafür zahlte, waren eine gescheiterte Ehe und Kinder, die er kaum aufwachsen sah. Über seine beiden erwachsenen Töchter habe Neubürger manchmal gesprochen, erzählt Ganswindt, "aber das war mehr aus einer Distanz".

Niemand sah den Selbstmord kommen. Als Ganswindt am Tag nach dem Abendessen davon erfuhr, erzählt er, sei sein erster Gedanke gewesen: Jemand muss ihn von der Brücke gestoßen haben! "Er hat immer den Eindruck vermittelt, als ertrage er das alles tapfer", sagt Neubürgers Anwalt Eberhard Wahle. Wenige Tage vor seinem Tod hatte Neubürger ihn und zwei weitere Anwälte per Mail zu einem gemeinsamen Abendessen in Stuttgart eingeladen, um das Ende des Rechtsstreits mit Siemens zu feiern. Er freue sich, schrieb er, auf ein Wiedersehen im März "unter erfreulicheren Umständen als unsere Treffen in der Vergangenheit". Dazu kam es nicht mehr.

Neubürger machte die Dinge, das erzählen Menschen, die ihn in den letzten Jahren erlebt haben, mit sich selbst aus. Er kehrte seine Gefühle auch dann nicht nach außen, als es innen längst brodelte. Offenbar war der Manager zum Schluss ganz allein.

Vielleicht war das Neubürgers eigentliches Versäumnis in all den Jahren: dass er sich neben der Arbeit kein Leben bewahrt hatte, das ihn in der Stunde der tiefsten Verzweiflung aufgefangen hätte. Doch darüber urteilen kann kein Gericht der Welt, das steht nur seiner Familie zu.

An einem Nachmittag im Mai sitzen drei Frauen aus der besseren Gesellschaft im Café Reitschule am Englischen Garten in München, hinter der Glasscheibe traben gestriegelte Rappen geräuschlos über die Sägespäne der Reithalle. Es sind Neubürgers zweite Ehefrau, eine erfolgreiche J.P.-Morgan-Managerin, die er schon aus seiner Zeit bei Siemens kannte, und seine beiden Töchter, Ende 20 und Anfang 30. Sie haben lange darüber nachgedacht, ob sie sich auf ein Treffen mit der ZEIT einlassen wollen. Bis zum Schluss haben sie gezweifelt und wägen ihre Worte nun so genau, als müssten sie vor Gericht aussagen. Sie reden, ohne etwas über den Verstorbenen zu erzählen. "Mein Mann war immer bemüht, eine Diskussion zur Sache und nicht zu seiner Person zu führen", sagt die Witwe. Alles, was über diesen Satz hinausgeht, soll nicht an die Öffentlichkeit.

Die zweite Flasche Mineralwasser ist getrunken, ohne dass die Frauen Einblick gewähren in das Verhältnis zu ihrem Mann und ihrem Vater. Deshalb kann man als Außenstehender nur ahnen, wie sehr auch sie unter der öffentlichen Jagd auf ihn gelitten haben müssen. Und wie sehr sie erst unter dem Tod dieses Mannes leiden, der sich ihnen im Moment der völligen Hoffnungslosigkeit nicht anvertraute.

Es gibt in dieser Geschichte aber doch noch eine Stunde der Wahrheit. Am Nachmittag des 20. März 2015 versammeln sich an die 500 Trauergäste in der St.-Michael-Kirche in der Münchner Fußgängerzone. Die Jesuitenkirche zwischen Marienplatz und Stachus war Vorbild für den barocken Kirchenbau in Süddeutschland und einst das geistliche Zentrum der Gegenreformation in Bayern. An diesem Ort ist München besonders katholisch.

Auf der Kirchenbank hat sich die Siemens-Prominenz von heute und einst niedergelassen: Siemens-Chef Joe Kaeser sitzt da, Finanzvorstand Ralf Thomas und Personalchefin Janina Kugel sind gekommen, die Familienerben Nathalie und Peter von Siemens, Heinrich von Pierer, Thomas Ganswindt sowie viele ehemals beschuldigte Ex-Vorstände. Auch viele frühere Mitarbeiter von Neubürger sind da. Die Männer tragen feine Mäntel, die Frauen edle Schals, manche Hut.

Neubürger sei manchmal in die Michaelskirche gekommen, um der Orgelmusik zu lauschen, erzählt der Pater. Zu seinem Gedenken spielt der Organist heute Fauré, eine Sopranistin singt das Ave Maria von Bach und Gounod. Joachim Faber von der Deutschen Börse hält eine Rede.

Die erste Ehefrau, von der sich Neubürger noch während seiner Zeit bei Siemens getrennt hatte, und die zweite Ehefrau, mit der er zuletzt in London lebte, sitzen in der ersten Reihe. Daneben haben die beiden Töchter Platz genommen, die eine blond, die andere brünett.

Die Töchter treten vor den Altar und beginnen ihre Rede mit einer Entschuldigung: Die Anwesenden mögen es ihnen verzeihen, wenn sie heute keine gemeinsamen Erlebnisse mit dem verstorbenen Vater teilten. Stattdessen wollten sie drei Bitten an die Gemeinde richten, die sie im Wechsel vortragen.

Die erste Bitte: "Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Kinder, auch wenn Ihre Kinder diese Zeit nicht einfordern." Sie hätten den Vater nie bei der Arbeit gestört, weil sie keine weitere Verpflichtung für ihn sein wollten. Später, als er dann mehr Zeit gehabt hätte, seien sie zu beschäftigt gewesen, erwachsen zu werden. "Das war ein Fehler."

Die zweite Bitte: "Sagen Sie Ihren Kindern, dass Sie sie lieb haben und stolz auf sie sind." Als sie ihre Mutter gefragt hätten, ob der Vater sie liebe, sei ihre Antwort gewesen: "Euer Vater arbeitet so viel, weil er euch so lieb hat." Er habe der Familie materielle Sicherheit bieten wollen. "Doch was", fragen die Töchter nun, "sind alle materiellen Güter gegen einen Vater, der uns nicht mehr zum Traualtar führen kann?"

Schließlich Bitte Nummer drei: "Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Ihre Gefühle." Ihr Vater habe Probleme stets mit sich selbst ausgemacht, seine Sorgen kaum jemandem anvertraut. Der letzte Appell, den die Töchter von Heinz-Joachim Neubürger an die versammelte Managerzunft richten, lautet: "Bitten Sie Ihre Familie um Hilfe!"