Mehr als 600 Handabdrücke, blaue Tinte auf vergilbtem Papier. Sie sind durchnummeriert und beschriftet mit "Jude" oder "Litzmannstadt", bei vielen Bögen schimmert der Schriftzug "Behördeneigentum" durch, die rückwärtige Beleuchtung lässt das Wasserzeichen sichtbar werden.

Die Seiten, die nun in einer Ausstellung im Tübinger Schloss zu sehen sind, schlummerten jahrzehntelang in einer Kiste im ehemaligen Rassenbiologischen Institut der Universität Tübingen. Erst 2009 entdeckt sie dort der Medizinhistoriker Albrecht Hirschmüller, durch ihn erfährt schließlich Urban Wiesing davon, der Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin in Tübingen. Als Wiesing die Bögen zum ersten Mal sieht, denkt er sofort an eine Ausstellung: "Die Aura und Eindrücklichkeit der Hände – das musste einfach gezeigt werden."

Was da nun in zwei Räumen zu sehen ist, erzählt exemplarisch von den Verstrickungen der Wissenschaft während der Zeit des Nationalsozialismus. Denn die zeigten sich nicht nur in den horrenden Versuchen des KZ-Arztes Josef Mengele oder in den abstrusen Bemühungen, eine "arische Physik" zu etablieren. Sie zeigten sich auch in ganz alltäglichen Karrieren wie der des Anthropologen Hans Fleischhacker.

Der sitzt im Jahre 1940 gerade in Tübingen an seiner Habilitationsarbeit, ist Mitglied des Stabes des Rasse- und Siedlungshauptamtes-SS und seit 1940 auch NSDAP-Mitglied. Ein – für damalige Verhältnisse – ganz normaler Vertreter seines Fachs. Promoviert hat er über die Vererbung der Augenfarbe, nun will er zeigen, dass sich die Rasse eines Menschen auch an seinen Händen ablesen lasse. Dazu wertet er Abdrücke aus, die zwei Mitarbeiterinnen des Reichsgesundheitsamtes im Januar 1940 im polnischen Łódź gesammelt haben, wo gerade die Juden im Ghetto Litzmannstadt zusammengepfercht werden. Mitten in den Wirren des Krieges lassen die Anthropologinnen 206 Männer und 103 Frauen ihre Hände aufs Papier drücken.

Dort sucht Fleischhacker nach markanten Kennzeichen in den Handlinien und glaubt sie auch zu finden. Eine "rassische Sonderstellung" der Juden, so schreibt er am Schluss in seiner Habilitationsarbeit, ist "glaube ich, klar erwiesen".

Wissenschaftlich sei die Arbeit eher schwach, urteilt Urban Wiesing heute; es gibt keine minutiösen Analysen und keine direkten Vergleiche; die Daten der Kontrollgruppe stammten ausschließlich aus Aufzeichnungen anderer Wissenschaftler. Doch das entsprach dem damaligen Standard, 1943 wird die Habilitation von der Tübinger Universität angenommen.

"Fleischhackers Forschung war damals nichts Ungewöhnliches", erläutert Wiesing, "er hat wie viele andere die phänomenale Vielfalt der Menschen analysiert." Zwar schreibt Fleischhacker selbst, seine Forschung habe "auch vom rassenpolitischen Standpunkt aus" eine große Bedeutung. Ansonsten ist seine Wortwahl aber durchweg trocken und wissenschaftlich. Ein Fanatiker sei Fleischhacker nicht gewesen, meint Wiesing. Eher ein Forscher, der seiner Arbeit nachging – und sich, wie viele andere, der herrschenden Ideologie anpasste. Selbst später fand offenbar kaum ein Forscher Fleischhackers Arbeit verwerflich, 1960 wurde sie noch zitiert. Und auch der Anthropologe selbst arbeitete noch lange Zeit als Wissenschaftler.

Nach dem Krieg gab er – wie so viele – an, nichts gewusst zu haben. Zwar wurde später bekannt, dass er 10 Tage in Auschwitz verbracht und dort Menschen für eine Skelettsammlung ausgewählt hatte. Von den Folgen dieser Wahl will er aber nichts gewusst haben. 1949 wird er als Mitläufer eingestuft, 1951 erscheint eine Zusammenfassung seiner früheren Forschungen (in der die Hände aus Litzmannstadt allerdings nicht vorkommen). Schließlich wird Fleischhacker 1971 an der Universität Frankfurt zum Professor ernannt und ist dort bis zu seiner Emeritierung 1977 tätig. Die jüdischen Hände verschwinden buchstäblich in der Truhe des Vergessens.

Nun erst erweckt sie die Tübinger Ausstellung "In Fleischhackers Händen" zum Leben. Auf zwölf Wänden sind je 24 Handpaare zu sehen. Auf den ersten Blick erscheinen alle gleich, seriell und anonym. Je näher man sie betrachtet, desto einzigartiger erscheint jeder einzelne Abdruck. Fleischhacker hatte in den Händen nach gemeinsamen Merkmalen gesucht, die Ausstellung gibt ihnen wieder ihre Individualität zurück.

Die Ausstellung "In Fleischhackers Händen. Wissenschaft, Politik und das 20. Jahrhundert" ist noch bis zum 28. Juni im Tübinger Schloss zu sehen.