Nicht mehr zu stoppen sei seine Partei, jubelte der Chef der Freiheitlichen, Heinz-Christian Strache, am Montag. Er empfindet sich mit einiger Berechtigung als eigentlicher Triumphator der beiden Regionalwahlen in der Steiermark und im Burgenland. Die Regierungsparteien hatten gerade zwei verheerende Debakel erlebt, Verluste von jeweils bis zu knapp zehn Prozent, die den Freiheitlichen zugutekamen, hinnehmen müssen, und nun sieht der blaue Herausforderer den Damm gebrochen: Seine blaue Flut werde sich fortan über das ganze Land ergießen. "Jetzt ist in Wien alles möglich", posaunte er überschwänglich.

Tatsächlich erinnern die freiheitlichen Erfolge frappant an den Höhenflug, den die Partei unter Straches Vorgänger Jörg Haider erlebte und der sie schließlich zur Regierungsbeteiligung trug. Damals wie heute musste die FPÖ nicht viel mehr tun, als möglichst lautstark und gebetsmühlenartig mit ihren Propagandaparolen die zwei Kernbotschaften von Überfremdung und Machtmissbrauch zu verkünden. Den Rest erledigte eine ausgelaugte Regierungskoalition. Die Blauen benötigten keine Konzepte, keine Ideen, keine Programme (und besaßen auch keine), sie waren lediglich das Schreckgespenst der Regierenden, und das genügte.

Ähnlich die Situation heute: Die Freiheitlichen sind lediglich die Keule, mit der enttäuschte oder wütende Wähler auf die Regierung einschlagen. Das reicht vollkommen aus als Wahlprogramm. Immer tiefer drangen die Blauen in die Kernwählerschichten von Volkspartei und SPÖ vor.

Damals wie heute fanden weder Konservative noch Sozialdemokraten ein Rezept, mit dem sie der Herausforderung hätten begegnen können. Sie wirkten ratlos – und sind es wohl auch heute. Die Wähler zweifeln immer stärker an der Lösungskompetenz einer Koalition zweier Regierungsparteien, die einander in herzlich empfundener Missgunst zugetan sind und die hauptsächlich der Überlebenswille zusammenhält.

Die Regierung erweckt ja auch wirklich nicht den Eindruck, als habe sie die Dinge im Griff. Eine Partei redet sich auf die andere aus. Anstatt zielstrebig Probleme anzupacken, werden diese in quälend langen Debatten von Sitzung zu Sitzung vertagt. Derweil schwillt die Arbeitslosigkeit zu immer neuen Rekordmarken an, quellen die Asylbewerberquartiere über, und wie in einem Krisengebiet müssen deshalb Zeltlager herhalten. Die Steuererleichterungen kann die Regierung nicht für sich nutzen, weil sie nicht den Eindruck zerstreuen kann, die Gegenfinanzierung gehe ohnehin auf Kosten der Steuerzahler.

Der bescheidene Anblick einer Regierung ohne Fortune wird die Freiheitlichen auch weiter beflügeln, ohne dass die Partei irgendwelche politischen Anstrengungen unternimmt. Weder Solzialdemokratie noch Volkspartei sind derzeit in der Lage, ihren Vormarsch zu stoppen. Das können die Freiheitlichen nur selbst, indem sie gewaltigen Plunder anrichten. Doch selbst dem reichen blauen Fundus gehen schön langsam die Tölpel aus.

Besonders misslich ist die Situation für die Sozialdemokraten. Sie stecken in dem Dilemma, wie sie sich gegenüber einer Partei verhalten sollen, die tief in ihre Bastionen eingebrochen ist und ihnen massenweise junge, männliche Wähler aus dem Arbeitermilieu entreißt. Gibt sie ihre Distanz auf, verliert sie ihren Anspruch, den sie schon seit Haiders Zeiten für sich reklamiert, der einzige Schutzwall gegen eine blaue Invasion zu sein. Die Koalitionsverweigerung, welche die Freiheitlichen gerne "Ausgrenzung" nennen, schränkt jedoch den roten Handlungsspielraum ein und liefert die Genossen dem einzig verfügbaren Koalitionspartner aus.

Sollte jetzt allerdings der burgenländische Landeshauptmann ernsthaft mit einem rot-blauen Bündnis liebäugeln, fügt er seinen Wiener Genossen einen Schaden zu, der das nächste Debakel einleitet. Zwei Wochen nach den Landtagswahlen in Oberösterreich findet am 11. Oktober die wichtigste Wahl des Jahres statt. Die einzige Chance, die der rote Bürgermeister in der Bundeshauptstadt hat, ist, es möglichst vielen Wählern glaubhaft zu machen, er sei der Einzige, der sich noch dem Machtanspruch der FPÖ in den Weg stellen kann.