Böse Überraschungen möchte jeder meiden – und nicht so dumm sein, genau im falschen Moment zu investieren. Die Angst davor ist gerade jetzt groß: Seit sechs Jahren sind die Aktienkurse gestiegen, und allein seit Jahresanfang haben die Aktien der 30 Konzerne im Aktienindex Dax um 25 Prozent aufgewertet, seit dem Höhepunkt vor der Finanzkrise lag das Plus zeitweilig sogar bei 50 Prozent.

Auch die amerikanischen Börsenindizes S&P 500 und Dow Jones sind auf Rekordhöhen. Da mögen die Kurse wie im Mai mal kurz sinken, trotzdem fragen sich viele Anleger: Ist es nicht schon gefährlich, in den Markt einzusteigen? Woran erkennen wir, wenn Aktien extrem überbewertet sind – ob sich also eine Blase gebildet hat?

Eine "Blase" an den Aktienmärkten wird als Phase definiert, in der Kurse auf Höhen klettern, die weit übertrieben sind – und zwar gemessen an fundamentalen Faktoren, also Unternehmens- und Wirtschaftsdaten. Je dicker die Blase, desto eher platzt sie: Dann fallen die Kurse in einer rasanten Gegenreaktion wieder auf das Normalmaß – oder sogar darunter. Auf die Euphorie folgt Jammer.

Solche Blasen mögen Ausnahmesituationen sein, doch es gibt sie, seit die Menschen handeln – ob mit Tulpenzwiebeln im 17. Jahrhundert, Eisenbahnaktien im 19. Jahrhundert oder den Papieren von Internetfirmen am Ende des 20. Jahrhunderts. Als die Dotcom-Blase der ersten Internetwelle platzte, verloren nicht nur professionelle Investoren, sondern auch Familienväter, Handwerker, Rentner ihr Geld. Alle, die der Entwicklung hinterhergerannt waren. Und als einige Jahre später aus der Immobilienblase die Luft entwich, löste das sogar die weltweite Finanzkrise aus.

Und nun bietet eine Umfrage der Bank of America Merrill Lynch unter 145 globalen Fondsmanagern Anlass zum Alarm: Seit dem Dot-Com-Crash haben nicht mehr so viele Investoren die Bildung einer Blase an den Aktienmärkten befürchtet wie jetzt. Aber woran messen Fondsmanager beginnende Übertreibungen?

Die absolute Höhe eines Aktienkurses ist nicht aussagekräftig genug. Erst das Verhältnis des Kurses zu fundamentalen Wirtschaftszahlen des Unternehmens gibt Aufschluss darüber, ob der Aktienkurs gerechtfertigt oder übertrieben ist.

Als gängiger Bewertungsmaßstab gilt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Es bildet ab, wie oft der erwartete Jahresgewinn des Unternehmens pro Aktie in den aktuellen Preis der Aktie hineinpasst. Es zeigt also, wie viel Geld ein Anleger an der Börse für einen kleinen Teil des Unternehmensgewinns zahlen muss. Je höher das KGV, umso teurer ist eine Aktie gemessen an ihrer Ertragskraft. Für die Aktien in Europa lag das KGV nach Angaben der JPMorgan-Tochterfirma JP Morgan Cazenove im April bei durchschnittlich 16,6.

Das bedeutet: Im Schnitt liegen die Preise der europäischen Aktien beim 16,6-Fachen des Gewinns, den die Unternehmen pro Aktie erwarten. Unmittelbar vor der Finanzkrise lag das durchschnittliche KGV in Europa nur beim 13,7-Fachen. Mit Blick auf die erwarteten Gewinne sind europäische Aktien also schon teurer als vor der Finanzkrise. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei den KGV im deutschen Aktienmarkt: Aktuell liegt das durchschnittliche KGV der Dax-Konzerne etwa bei 14,5, nachdem es nach der Finanzkrise auf unter 8 gefallen war. Und trotzdem: Die Papiere haben bei Weitem noch nicht die überzogene Bewertung der Dotcom-Blase vom Faktor 26,3 erreicht.

Für amerikanische Aktien muss noch mehr Geld auf den Tisch gelegt werden. Der S&P 500 hat ein KGV von Faktor 17. 1999 allerdings, bevor die Dotcom-Blase platzte, waren die Übertreibungen am amerikanischen Aktienmarkt größer. Damals wurde sogar ein KGV von 23,3 erreicht.

Auf das KGV allein kann man sich nicht verlassen. Ein anderer Bewertungsmaßstab ist die Relation vom Börsenwert zum Eigenkapital der Unternehmen. Das Eigenkapital ist schließlich das Herz der Unternehmensfinanzen – das, was bleibt, wenn alle Schulden getilgt sind. So viel sollte die Firma an der Börse mindestens wert sein. Das ist nicht immer der Fall. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise etwa fielen die Kurse vieler Bank-Aktien unter ihren Buchwert, weil die Investoren überzeugt waren, dass ein Teil des Eigenkapitals von Verlusten aufgefressen würde.