Der Täter ist winzig klein, hat einen komplizierten Namen und breitet sich rasant aus. Über Insekten, die Pflanzensaft saugen, gelangt er ins Wassertransportsystem von Bäumen und verstopft deren Leitungen. Die Blätter welken und vertrocknen, die Pflanze stirbt. Der Killer gefährdet Olivenhaine in Apulien. Breitet er sich ungehindert aus, droht den Olivenbäumen in ganz Italien, vielleicht sogar in ganz Europa ein Massensterben.

Seit Oktober 2013 kennt man den Übeltäter. Forscher des italienischen Nationalen Wissenschaftsrats identifizierten das Bakterium Xylella fastidiosa als Ursache des dramatischen Krankheitsausbruchs. Und die Lage verschlechtert sich – kontinuierlich. "Man sieht von Woche zu Woche deutliche Unterschiede", sagt Donato Boscia. Er ist Leiter einer Zweigstelle des italienischen Institutes für nachhaltigen Pflanzenschutz in Apuliens Hauptstadt Bari. Mit Kollegen forscht er an der Eindämmung des Erregers.

Xylella fastidiosa ist ursprünglich in Teilen Nord-, Mittel- und Südamerikas beheimatet. Jetzt breitet es sich am Stiefelabsatz Italiens aus. Vor allem die apulische Provinz Lecce ist schwer getroffen, rund zehn Millionen Olivenbäume wachsen hier. Eine Million davon seien infiziert, hieß es vor ein paar Monaten. Aktuelle Zahlen gibt es nicht, und Schätzungen, so Boscia, sind schwierig.

"Das Risiko für den Olivenanbau und die von Olivenbäumen geprägte Landschaft ist sehr konkret", fasst Anna Maria D’Onghia, Chefin der Abteilung für Pflanzenschutz des Istituto agronomico mediterraneo Bari (IAMB), die Situation zusammen. Sie und ihre Organisation haben es gerade nicht leicht. Denn mancher Olivenbauer sucht in der existenzbedrohenden Lage nach einem Sündenbock – und in Verdacht sind die Forscher des IAMB geraten.

Das Institut hatte 2010 einen Labor-Workshop mit Xylella-Erregern veranstaltet. Die Forscher wollten die Biologie der Erreger kennenlernen, um die heimischen Pflanzen zu schützen. Dazu hatten sie infizierte Weinreben und Bakterienvarianten aus Kalifornien importiert. "Wer kein Spezialist ist und das Programm des Workshops liest, wird natürlich stutzig", versteht Donato Boscia das Misstrauen.

Doch der Verdacht lässt sich leicht ausräumen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Erreger schon vor mehr als zehn Jahren in Europa ankam. Das sehen sie an seiner Ausbreitung. Zudem liegt das Institut etwa 200 Kilometer weit vom Ursprungsort der Infektionswelle entfernt. Und das Olivensterben wird durch eine andere Variante von Xylella hervorgerufen als die des Workshops: "Genetisch sind sie komplett verschieden", sagt Boscia.

Dass der Verdacht sich trotz der eindeutigen Beweislage so lange hält und sogar zu laufenden Polizeiermittlungen gegen einige Kollegen geführt hat, kann sich der Forscher nur mit der aufgeheizten Atmosphäre vor Ort erklären.

Der Oliventod, darauf deuten genetische Analysen hin, kam vermutlich über Zierpflanzen aus Costa Rica. Eilends eingeführte EU-Regelungen sollen nun den Import und die Verbreitung infizierter Pflanzen verhindern. Denn nicht nur Olivenbäume, auch Rebstöcke und Zitrusfrüchte sind durch Xylella gefährdet.

Für Lecce kommen die Maßnahmen zu spät, hier ist eine Ausrottung des Erregers nicht mehr möglich. Seine Verbreitung kann nur noch mit drastischen Maßnahmen eingedämmt werden. In einem Sperrgürtel zwanzig Kilometer um das befallene Gebiet in Lecce müssen Olivenbäume gefällt werden. Und EU-weit sind neue Ausbrüche meldepflichtig.

Boscia und seine Kollegen arbeiten aber an weiteren Gegenmaßnahmen. Sie haben bei ihren Forschungen mit Xylella Olivenvarianten gefunden, die weniger empfindlich auf den Keim reagieren. Vielleicht wird der Schurke also noch zum Retter der Oliven.

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