In den kommenden zwei Wochen werden Millionen Menschen nach Aserbaidschan schauen. Das zwischen dem Iran und Russland gelegene Land darf vom 12. Juni an die ersten European Games austragen, eine Art europäische Miniolympiade. Aus diesem Anlass ist gerade viel vom repressiven Regime des ölreichen Staats die Rede. Das ist schon mal eine gute Erkenntnis. Aber wissen die Europäer auch, welchen Anteil British Petroleum (BP) an dieser Repression hat?

Eigentlich hat sich BP verpflichtet, überall dort, wo der Konzern Geschäfte macht, gute Regierungsarbeit und Transparenz zu fördern. In Aserbaidschan ist BP dieser Selbstverpflichtung allerdings nicht nachgekommen. Ganz im Gegenteil: Die Voraussetzung für möglichst vorteilhafte Förderverträge und hohe Profite ist die politische Stabilität, für welche die Regierung von Präsident Ilcham Alijew sorgt. Mit einer Regierung wie dieser hat BP leichtes Spiel. Diese unanständige Partnerschaft am Kaspischen Meer hat eine lange Geschichte.

Noch bevor 1993 eine britische Botschaft in Aserbaidschan eingerichtet wurde, war BP im Land aktiv. Der Firmensitz in der Hauptstadt Baku wurde inoffiziell von britischen Diplomaten genutzt. Vor dem Gebäude wehte die britische Flagge, Ölbusiness und Diplomatie traten als Einheit auf. Der Manager Leslie Abrahams war von 1991 bis 1994 der stellvertretende Repräsentant von BP in Aserbaidschan. Vor wenigen Jahren erzählte er dem britischen Fernsehsender Channel 4, der britische Geheimdienst MI6 habe ihn Anfang der neunziger Jahre wegen seiner Kontakte zum Regime angeworben. Abrahams habe aus Aserbaidschan über Truppenbewegungen und Regierungsangelegenheiten berichten sollen. Der Manager sagte zu. "BP hat immer eng mit der [britischen] Regierung kooperiert", sagte Abrahams. "Solche Dinge werden stets von einem erwartet."

Im September 1992 flog die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher nach Aserbaidschan, wo sie den neu gewählten Präsidenten Abulfaz Eltschibej ermutigte, Ölverträge mit BP zu unterzeichnen. Der Verwaltungsapparat in Baku wurde mit Geldgeschenken geschmiert. Der Ex-BP-Mann Abrahams räumte ein, Barzahlungen im Außenministerium, im Kommunikationsministerium und im Ölministerium abgeliefert zu haben. "In jedem Umschlag steckten zehn-, zwanzig- oder dreißigtausend Dollar."

Abrahams enthüllte noch mehr Details über die Kooperation mit dem Regime in Baku. So habe der damalige BP-Chef John Browne 45 Millionen Dollar dafür springen lassen, den Aserbaidschanern "jeden Traum zu erfüllen". Dazu gehörten laut Abrahams Sexpartys mit Champagner und Kaviar. Ein Firmenjet habe eigens Essen und Getränke eingeflogen; wenn wichtige Aserbaidschaner London besuchten, sei BP so großzügig gewesen, ihnen Prostituierte zu besorgen.

Trotz all dieser Nettigkeiten blieben die Geschäftsbedingungen unberechenbar: Anfang der 1990er Jahre kam es in Aserbaidschan zu Staatsstreichen, zweimal wurden die Vereinbarungen mit BP annulliert. Die neuen Regierungen versuchten, eine Demokratie zu etablieren, erwiesen sich aber als schwach und schlecht organisiert. Entsprechend leicht waren sie wieder zu Fall zu bringen. Stabil wurde die Lage erst, als der ehemalige KGB-General Geidar Alijew 1993 die Macht übernahm. Seine politischen Erben, vor allem seine Familiendynastie, dominieren das Land bis heute.

Für BP bedeutet die Clanherrschaft ein bequemes Geschäftsklima. Kritik erstickt Alijew zuverlässig: Die Opposition wird erpresst, die Zivilgesellschaft ruhiggestellt, Journalisten und Aktivisten verhaftet, kritische Medien und Nichtregierungsorganisationen werden geschlossen. Wer will unter solchen Umständen die Aktivitäten von BP in Aserbaidschan untersuchen, geschweige denn kontrollieren?

Auch deshalb fällt es BP leicht, Fragen zu Bestechungen und Sexpartys auszuweichen. Kein Kommentar, lautet die Antwort des Pressesprechers, wenn man um eine Stellungnahme zur Schilderung des Ex-Managers Abrahams bittet. Ähnlich informativ verhielt sich BP, als sich im September 2008 ein großes Gasunglück im Kaspischen Meer ereignete. Erst als Depeschen der US-Botschaft durchsickerten, erfuhr die Öffentlichkeit von der Umweltkatastrophe. Zog die aserbaidschanische Regierung BP zur Verantwortung? Keineswegs. Der Konzern genießt offenbar Immunität.

So gut sind die Beziehungen von BP zur aktuellen Regierung, dass es sogar Gerüchte gab, BP habe den Staatsstreich 1993 organisiert, bei dem die demokratische Regierung zugunsten Geidar Alijews gestürzt wurde. Die Sunday Times veröffentlichte im Jahr 2000 einen türkischen Geheimdienstbericht, in dem es hieß, hinter dem Staatsstreich von 1993 hätten BP und Amoco gestanden, eine damals noch eigenständige amerikanische Ölgesellschaft, die später von BP gekauft wurde.

Ex-BP-Manager Abrahams äußerte sich in einem Interview 2007 ähnlich: "BP unterstützte beide Staatsstreiche, beide Male durch diskrete Handlungen und offene politische Rückendeckung. Wir machten nach den Staatsstreichen beträchtliche Fortschritte bei unseren Förderverträgen."

Sowohl BP als auch die aserbaidschanische Regierung weisen diese Vorwürfe zurück. Ein BP-Sprecher sagte zu Abrahams’ Aussage: "Einige Fakten in seiner Schilderung sind zutreffend, aber den Großteil davon kennen wir nicht. Wir halten sie für Fantasie." Neuere Aussagen haben die Diskussionen um die Wahrheit wieder angefacht. In einem TV-Interview erklärte der ehemalige Abgeordnete Harold Elletson, der ebenfalls vom MI6 angeheuert worden war, warum BP in Aserbaidschan seiner Ansicht nach so erfolgreich geworden sei: "Dass Präsident Alijew an die Macht kam, bedeutete, dass Geschäfte Bestand haben konnten. Insofern lag dies im Interesse von BP. Aber ob BP in irgendeiner Form involviert war, kann ich nicht sagen."

1994 unterzeichnete Aserbaidschan den sogenannten Jahrhundertvertrag mit BP und zehn weiteren Erdölkonzernen. Das Abkommen regelt die Erschließung der gewaltigen Erdöl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer. Vereinbart wurde, über 30 Jahren 7,4 Milliarden Dollar in drei Ölfelder vor der Küste zu investieren. Den größten Anteil, größer noch als der von Aserbaidschan selbst, erhielt BP mit 17 Prozent. Unter der Regierung Alijew begann die Glanzzeit von BP in Baku.

Wohl wissend, wie gut BP auch in Westeuropa vernetzt ist, drückt das aserbaidschanische Regime gegenüber Verfehlungen des Unternehmens gerne ein Auge zu und nutzt die Verbindungen des Konzerns, um Zugang zu westlichen Politikern zu bekommen. Dank des Einflusses von BP wurde Staatschef Geidar Alijew 1998 ein glänzender Empfang beim neuen Premier Tony Blair bereitet. Zweimal hat Alijew die Queen getroffen, und Prinz Andrew ist ein enger Freund von Ilcham Alijew, der 2003 von seinem Vater die Macht im Land übernahm. Insgesamt zwölfmal ist der Prinz bisher nach Aserbaidschan gereist.

Menschenrechtsorganisationen fordern BP immer wieder auf, Einfluss auf die Regierung von Aserbaidschan zu nehmen. Das tut BP zweifellos. Nur eben auf eine Art, die andere Gewinne verspricht als Menschenrechte. Zum Beispiel gerade jetzt als "offizieller Partner" der European Games.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz. Shahla Sultanova stammt aus Aserbaidschan und unterrichtet internationalen Journalismus in Deutschland.