Zoran kennt den Mann, der Anfang Mai 14 Menschen überfahren hat. Er ist Zorans Kollege, beide arbeiten als Lokführer bei der mazedonischen Eisenbahngesellschaft. Zoran steuert noch immer Züge, der Kollege hat sich ins Depot versetzen lassen.

"Er ist ein armer Mensch, der seines Lebens nicht mehr froh wird", sagt Zoran und legt den Schalthebel im Lokführerstand um. Der Zug rollt aus dem Bahnhof von Veles. Knapp fünfzig Minuten dauert die Fahrt in die Hauptstadt Skopje. Die Strecke ist kurvig, durchsetzt von engen, dunklen Tunneln. Zoran betätigt immer wieder das Signalhorn, für den Fall, dass Leute auf den Schienen sind. Syrer, Somalier, Pakistaner – der Marsch durch Mazedoniens Gleisbett ist Teil ihres Fluchtweges, raus aus Elend und Krieg in ihrer Heimat. Auch die 14 Menschen, die Zorans Kollege mit dem Zug überrollte, hatten sich auf diesen Weg gemacht. Woher genau sie stammten, konnte nicht festgestellt werden. Also begrub man sie nach muslimischem Ritus, schließlich kommen die meisten Flüchtlinge aus islamischen Ländern.

Während die europäische Öffentlichkeit auf das Meer vor Lampedusa blickt, während eine Militärmission versucht, gegen Schlepperbanden an der libyschen Küste vorzugehen, und die EU über Flüchtlingsquoten streitet, hat sich der Balkan zu einer Hauptroute für Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten entwickelt: Mittlerweile dürften es Zehntausende sein, die über die Türkei nach Griechenland gelangen und dann über Mazedonien und Serbien in den Norden Europas ziehen.

An der türkischen Küste steigen die Flüchtlinge in Boote, zwischen 800 und 2.000 Dollar kostet die Überfahrt zu den Inseln Griechenlands. Manche Schlepper chartern mit falschen Pässen Motor- oder Segeljachten. Mit denen fahren sie zu entlegenen Stränden. Sie reißen die Küche, die Betten und die Lampen raus, unter Deck pferchen sie dann die zahlenden Flüchtlinge zusammen, 70, 100, manchmal mehr. Diese Schiffe sind für die Küstenwache von denen der Freizeitsegler, die zu Hunderten auf der Ägäis kreuzen, nicht zu unterscheiden. In der Nacht klettern die Flüchtlinge an die Strände von Kos, Rhodos oder einer der anderen Inseln. Die Mehrzahl von ihnen sind Syrer wie Rasol.

Rasols Reise von Damaskus nach Kos hat elf Tage gedauert. Er ist vor dem Bürgerkrieg geflohen. "Im Stadtzentrum von Damaskus war es gefährlich, aber okay. Außerhalb ist es nicht mehr okay. Doch die Kämpfe sind immer näher gekrochen", sagt der 25-Jährige. Er blieb, bis er sein Studium abgeschlossen hatte. Jetzt ist er Ingenieur für Petrochemie und will in die Niederlande. Kos und die Herberge, in der er für 30 Euro die Nacht untergekommen ist, sind nur eine Zwischenstation.

Viel hat Rasol nicht dabei, Klamotten, Geld und sein Handy. Auf dem zeigt er Bilder seiner Schwester, die ihren zwei Jahre alten Sohn auf dem Arm hält. "Die sind dageblieben", sagt er und dann, zu sich selbst: "Vielleicht können sie nachkommen, irgendwann." Einige seiner Freunde haben den Sprung nach Europa schon geschafft, haben sich durchgeschlagen bis nach München oder Utrecht. Sie haben Rasol erklärt, wie er unerkannt durch Europa reisen kann. Ein Cousin hatte sich einen gefälschten Pass gekauft und war damit in einen Flieger nach Schweden gestiegen. Das ist teuer, so viel Geld hat Rasol nicht. Doch er hat einen Plan. Auf Google Maps zoomt er auf einen schwarzen Strich an der Grenze zwischen Mazedonien und Serbien: Eine Eisenbahnbrücke, daneben ein Hotel. "Dort stellen sie keine Fragen. Dort können wir schlafen. Und nachts klettern wir über die Brücke."

Ob Rasol weiß, was ihm der Weg über den Balkan abverlangen wird? Die drei jungen Syrer, die fünfzig Kilometer vor Skopje eine schmale Straße entlanghumpeln, könnten es ihm erzählen. Ihre Füße sind mit Blasen übersät. "Seit der griechischen Grenze sind wir ungefähr 200 Kilometer marschiert", sagt einer von ihnen. Er spricht Englisch und ist offenbar der Wortführer. Die 200 Kilometer sind nur ein Bruchteil der Strecke, die noch vor ihnen liegt, Deutschland ist das Ziel. Ihr bisheriger Weg habe sie auch auf die Gleise geführt, vor zwei oder drei Tagen sei das gewesen, erzählen sie. Wenn sie gehört hätten, dass ein Zug heranrollte, seien sie wie gehetzte Rehe von den Gleisen ins Gebüsch gesprungen.

Auf den Schienen ist für die drei alles gut gegangen, auf den verlassenen Straßen zwischen den Dörfern nicht. Afghanen hätten sie ausgeraubt, erzählen sie, Flüchtlinge wie sie selbst. Retten konnten sie etwas Geld und die Snickers-Riegel in ihren Hosentaschen. "Und der Hunger ist gegessen", so wird die Schokolade in Deutschland beworben. Hier in der Abgeschiedenheit Mazedoniens ist sie das einzig Essbare, was den drei Männern geblieben ist. "Wenn wir in Serbien sind, dann wird mir mein Bruder 1.000 Euro aus Dubai schicken", sagt der Wortführer.

Von plündernden Banden hört man in diesen Tagen oft. Die Polizei aber unternimmt nichts. Die Behörden lassen das Flüchtlingsdrama einfach geschehen, in Mazedonien und in Griechenland. So ist es die örtliche Bevölkerung, die zu helfen versucht. Wenigstens ein bisschen. Entlang der Bahnstrecke in Richtung Skopje haben Mazedonier Schilder aufgestellt, darauf steht in Englisch und Arabisch geschrieben, dass es lebensgefährlich sei, auf den Gleisen zu gehen. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich. Doch die Flüchtlinge nutzen das Gleisbett, weil es direkt nach Norden führt, und wer den Schienen folgt, verläuft sich nicht. Der Weg gibt ihnen Sicherheit, obwohl er tödlich sein kann.