Was ist denn nun die Wahrheit? Die einen sagen so, die anderen so, und selbst die Dritten, die nie etwas sagen oder lange nichts gesagt haben, rühren die Trommel. Verstehen aber tut niemand, welches Theater auf dem Grünen Hügel von Bayreuth 50 Tage vor Eröffnung der Festspiele gegeben wird. Erster Aufzug: Festspielleiterin Katharina Wagner und ihr Intimus, der Dirigent und Bayreuther Musikdirektor Christian Thielemann, wollen Eva Wagner-Pasquier, die Co-Festspielleiterin, offenbar loswerden – und zwar noch bevor deren Vertrag am 31. August endet. Weil Evas Sängerbesetzungen zu wünschen übrig ließen, weil sie haarsträubende administrative Fehler gemacht haben soll und weil die persönlichen Verhältnisse derart zerrüttet seien, dass sie den Burgfrieden gefährdeten, gerade in der sensiblen Probenzeit.

Also wurde noch im vergangenen Jahr beim Stiftungsrat etwas erwirkt, von dem jetzt, da es greifen müsste, keiner weiß, was es sein soll: eine "Freistellung" Evas von allen Kompetenzen, wie bei Machtwechseln nicht unüblich? Ein Haus- oder "Hügelverbot", wie es 1975 Wolfgang Wagner über seine Mutter Winifred verhängte, nachdem diese sich vor Hans-Jürgen Syberbergs Kamera liebevoll an den "Führer" erinnert hatte? Ein ordentlicher Beschluss der vier Gesellschafter zur Causa liegt nicht vor. Ist alles also bloß Popanz, Schmu, halbherzige Drohgebärde? Der Bund als Gesellschafter hält sich in Sachen Bayreuth traditionell raus, der Freistaat Bayern schweigt, der Rest sind Dementis. Kulturpolitische Verantwortung sieht anders aus. Überhaupt ans Licht gekommen ist das Ganze, weil sich Eva und ihr Anwalt Peter Raue – zweiter Aufzug – durch den fehlenden Beschluss nicht länger an die vereinbarte Vertraulichkeit gebunden fühlten. Flugs machten via Süddeutsche Zeitung allerlei Briefe und Dokumente die Runde, und ausgerechnet die scheue Eva, die sich kaum je öffentlich äußert, steht nun, ohne konkret in die Offensive zu gehen, als die Nestbeschmutzerin da, die sie niemals sein wollte.

In Gestalt der Bayreuth-Dirigenten Kirill Petrenko (amtierend) und Daniel Barenboim (gewesen) folgt der dritte Aufzug: "Würdelos", ja "menschenunwürdig" sei der Umgang mit Wagner-Pasquier, um ein Haar hätte Petrenko sein Engagement für diesen Sommer noch aufgekündigt. Schlechter kann die Stimmung auf dem Grünen Hügel also gar nicht sein, zumal sich der Kartenverkauf für den Ring wie für den Fliegenden Holländer schleppend gestaltet. Immerhin ist Eva Wagner-Pasquier nach ihrem Urlaub am Dienstag ungehindert in ihr Büro gelangt. Der oberfränkische Atridenfluch aber, der über den Wagners und den Festspielen lastet, wird auf Dauer nur durch gute, ja durch bessere Kunst zu lösen sein. Dafür stehen auch die Gesellschafter in der Pflicht, gerade in ach so heiklen Personalfragen. Sie müssten sagen, was gelten soll.