Es sind keine fünf Kilometer von den Türmen der Großbanken bis zur Falkstraße in Frankfurt, doch irgendwo auf dem Weg beginnt eine andere Welt. Eine Welt, in der nicht Profit das Maß aller Dinge ist, sondern Menschen möglichst viel Gutes in der Gesellschaft bewirken wollen. Im Social Impact Lab arbeiten sogenannte Andersgründer an unternehmerischen Ideen, um soziale Probleme zu lösen. Sie wollen zum Beispiel Schüler vor Cybermobbing schützen oder Langzeitarbeitslosen Jobs verschaffen. In dieser Welt hat sich Björn Strüwer eingelebt: Er hat die Konzepte gelesen, den Gründern Tipps gegeben. Wer ihn von den Ideen schwärmen hört, der merkt: Strüwer passt hierhin.

Das ist erstaunlich, weil Björn Strüwer bis vor drei Jahren in der Welt der Banktürme zu Hause war. 25 Jahre lang hat er in der Finanzbranche gearbeitet und seine Karriere an drei Größen ausgerichtet: Titel, Position, Geld. Um mit überschaubarem Aufwand viel zu verdienen, hatte er 1989 bei einer kleinen Bank in Mainz die Ausbildung begonnen; er arbeitete sich bis zum Marketingleiter hoch. Als ein Headhunter mehr Geld bot, wurde Strüwer Organisationschef bei einem Softwareunternehmen, bevor er zurück in die Finanzbranche wechselte, auf eine Leitungsposition bei einer großen Bausparkasse. "In den Banken waren Titel und Verdienst der Erfolgsmaßstab", bilanziert Strüwer nüchtern, "in diesem System war auch ich erfolgreich."

Seine Karriere führte ihn Ende der neunziger Jahre zur Schweizer Großbank Credit Suisse. Er erlebte den Internetboom, als die Branche im Geld fast ertrank, und das Ende dieses Booms, als er Mitarbeitern kündigen musste. 2006 wechselte er in die Zentrale nach Zürich: noch bessere Titel, noch höhere Positionen, noch mehr Geld. Urlaub auf Mauritius, Fünfsternehotels, dicke Autos.

Und dann kam der Tag, als Strüwer mit seinem SUV am Zürichsee entlang zur Arbeit fuhr, zum Paradeplatz, zur besten Adresse Zürichs, und die Welt wurde brüchig. Die Finanzkrise machte Schlagzeilen, draußen auf dem Platz tobten die Kapitalismuskritiker, und Strüwer dachte: "Das fühlt sich alles nicht real an." Real waren die Verwerfungen an den Finanzmärkten und die Geburt seiner Tochter: zwei Ereignisse, die Strüwer dazu brachten, "den Sinn meiner Arbeit zu hinterfragen".

Schon bei der Credit Suisse hatte er mit vermögenden Menschen zu tun, die mit ihrem Geld Gutes bewirken wollten – er konnte ihnen kaum helfen. Das muss doch gehen, dachte er nun, nahm sich eine Auszeit und rief bei Ashoka an, einer weltweit tätigen Nichtregierungsorganisation, die soziale Unternehmer fördert. Menschen also, die mit unternehmerischen Ideen soziale und gesellschaftliche Probleme lösen wollen. Strüwer wollte die Welt von Ashoka kennenlernen. Er unterstützte die Organisation beim Aufbau der Finanzierungsagentur für Social Entrepreneurship, die Sozialunternehmern hilft, ihre Projekte zu finanzieren. Dafür bringt sie Privatinvestoren, Stiftungen, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen zusammen.

Die Arbeit begeisterte ihn so sehr, dass er aus dem Sabbatical eine Lebensaufgabe machte. Kürzlich hat er das Unternehmen Roots of Impact gegründet, mit dem er die Wurzeln des Sozialunternehmertums wässern will: Die Firma entwickelt Modelle, die Investoren und Philanthropen bei der Finanzierung sozialer Start-ups helfen sollen. Und Strüwer baut die Social Finance Academy auf, die sozialen Unternehmern und Investoren Onlinekurse und Schulungen bieten soll. Er verwandelt sich so selbst zum Sozialunternehmer: Beide Projekte sollen ihm irgendwann den Lebensunterhalt finanzieren.

Der alte Maßstab, Titel, Position, Geld, bedeutet Strüwer nichts mehr. Für Ashoka arbeitet er nicht nur pro bono, er unterstützt die Organisation auch finanziell. In die neue Welt musste er sich erst einfinden. "Aber jetzt", sagt Strüwer drei Jahre nach seinem Abschied von der Credit Suisse, "bin ich ganz angekommen."