Wo sind wir hier? In Südamerika, richtig. In Rio, um genau zu sein, der Stadt mit dem Zuckerhut und den traumhaften Stränden. Doch schöne Bilder haben den Fotografen Robert Polidori noch nie sonderlich interessiert. Er interessiert sich für die Struktur von Städten, ihre Schichtungen und Überlagerungen. In einem schönen, zweibändigen Doppelporträt von Rio de Janeiro konfrontiert der Steidl Verlag Polidoris Arbeiten nun mit historischen Aufnahmen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Und natürlich kann man die beiden in einem Leinenschuber vereinigten Bände in chronologischer Reihenfolge betrachten: zuerst die ruhigen, klar komponierten Schwarz-Weiß-Fotos von Marc Ferrez, dann die überbordenden, kreischbunten Veduten von Robert Polidori. Man sollte es aber andersherum machen. Denn letztlich geht es hier weniger um Vergangenheit und Gegenwart als um Fiktion und Wirklichkeit. Polidoris mit einer altmodischen Großbildkamera aufgenommenen Panoramen zeigen die schnöde Realität einer Megacity, die aus allen Nähten platzt. Und hat man all die Hochhaustürme, die riesigen Baustellen und die endlos die Berge hinaufwuchernden Favelas erst mal im Kopf, ist man gefeit davor, nostalgische Gefühle für das hübsche alte Rio von Ferrez zu entwickeln. Seine sauber gefegten, von klassizistischen Palästen gesäumten Alleen, die leeren Plätze, die Berge, auf denen noch kein Hüttchen steht – wirken dann nur noch wie ein ferner Kolonialistentraum.