Gläserne Hochhaustürme glitzern in der Wüstensonne, futuristische Springbrunnen sorgen wenigstens ein paar Schritte weit für kühle Luft, eine U-Bahn-Station mit vergoldeten Wänden lädt zum Verweilen ein.

So soll der neue King Abdullah Financial District in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad aussehen, wenn er fertig ist. "Unsere Vision ist es, zu einem der größten zehn Finanzplätze der Welt aufzusteigen", verkündet Khalid al-Arfaj, verantwortlich für die Informationstechnik des neuen Finanzviertels, in einem Werbevideo. Dafür braucht es natürlich ein repräsentatives Äußeres. Noch steht allerdings auf fast jedem Dach ein Kran – und das Gros der mehr als 60 neu gebauten Türme steht leer.

Westliche Finanzhäuser wie die Investmentbank BNY Mellon oder der Vermögensverwalter Schroders stört das nicht. Sie wollen den neuen Frontier-Markt erschließen. Kommenden Montag öffnet das bisher verschlossene Saudi-Arabien endlich seinen Kapitalmarkt für ausländische Anleger. "Die saudische Börse bietet große Chancen für internationale Investoren", sagt Rami Sidani, Fondsmanager des Investmenthauses Schroders. Mit rund 500 Milliarden Euro Gesamtvolumen ist der neue Markt etwa dreimal so groß wie der bisherige regionale Spitzenreiter Katar. Bislang durften in Saudi-Arabien nur Investoren aus der arabischen Welt einkaufen. Der Kapitalmarkt war einer der letzten geschlossenen großen Finanzplätze weltweit.

Ob Russland, Indien oder Kuwait: Überall hat die Politik in den vergangenen Jahren Hürden für ausländische Anleger abgebaut, um deren Geld ins Land zu locken und so größere Investitionen stemmen zu können. Selbst China lockert nach und nach seine strengen Beschränkungen. Ende vergangenen Jahres wurden die Börsen Hongkong und Shanghai enger miteinander vernetzt. Internationale Anleger können nun über Hongkong erstmals problemlos chinesische Aktien kaufen, die in der Landeswährung Yuan notiert sind. Zuvor waren Investitionen in Unternehmen an Chinas Börsen wenigen ausländischen Managern vorbehalten, die von der kommunistischen Führung ausgesucht wurden.

Auch Saudi-Arabiens Regierung wollte den Einfluss westlicher Investoren lange so gering wie möglich halten. Sie konnten, wenn überhaupt, nur Partizipationsscheine erwerben, also Beteiligungen ohne Stimmrecht. Die saudische Börse ähnelte der Schatzkammer der Königsfamilie: prall gefüllt und abgeschottet. Nun aber öffnet auch der konservative Golfstaat die Tore – zumindest einen Spaltbreit.

Internationale Investoren dürfen in Zukunft Aktien kaufen, gemeinsam aber nicht mehr als zwanzig Prozent eines Unternehmens und zehn Prozent des Gesamtmarktes halten. Immobilienkäufe in den heiligen Städten Mekka und Medina bleiben verboten. Anlegen dürfen zudem nur Geldgeber, die über mindestens fünf Milliarden US-Dollar verfügen, seit mehr als fünf Jahren im Geschäft sind und eine spezielle Erlaubnis der saudischen Marktaufsicht erhalten haben. "Auf diese Weise will die Aufsichtsbehörde sicherstellen, dass nur institutionelle Investoren mit langfristigen Interessen aktiv werden", sagt Rebecca McVittie, Schwellenländer-Expertin bei Fidelity Worldwide Investments.

Ungeachtet dieser Hürden, können auch Privatanleger profitieren: über sogenannte Frontier-Market-Fonds. Als Frontier Markets gelten Länder mit einem vergleichsweise starken Wachstum und noch unterentwickelten Kapitalmärkten. Oft bieten diese Fonds eine hohe Rendite – bei entsprechendem Risiko. Bei großen Investmenthäusern wie BNY Mellon oder Fidelity laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren. Schon bald sollen die ersten saudischen Titel im Portfolio stehen.

Der dortige Kapitalmarkt hat viel zu bieten. Das größte Erdölunternehmen der Welt, Saudi Aramco, ruht zwar fest in den Händen des saudischen Staates und ist nicht an der Börse notiert. Anders ist das aber im Bereich Petrochemie. Das wertvollste Unternehmen im führenden Aktienindex Tadawul All-Share ist Sabic, einer der größten Petrochemiekonzerne weltweit. 2014 erzielte Sabic eine Umsatzrendite von mehr als zwölf Prozent und war damit fast doppelt so rentabel wie BASF. Der Zugang zu billigem Öl und Gas macht den Unterschied. Insgesamt ist etwa ein Drittel der an der Börse notierten Unternehmen in der Ölindustrie tätig.

Auch andere Sektoren wachsen kräftig. "Vor allem der Konsumgüterbereich, der Immobiliensektor und das Gesundheitswesen werden in den nächsten Jahren stark zulegen", prophezeit Gaurav Patankar. Er ist Anlageexperte der Vermögensverwaltung Boston Company. Ein Beispiel ist der Nahrungsmittelkonzern Almarai. Rund 160.000 Milchkühe hält das Unternehmen auf einer modernen Farm mitten in der Wüste. Im vergangenen Jahr stieg der Konzernumsatz um zwölf Prozent auf knapp drei Milliarden Euro.

Die saudische Wirtschaft hat allerdings ein Problem: Sie hängt am Öl wie die Welt an den saudischen Pipelines. Obwohl der Staat seit Längerem versucht, das zu ändern, machen die Öleinnahmen nach wie vor mehr als 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und rund 90 Prozent der Staatseinnahmen aus. Noch sprudelt der schwarze Stoff zwar reichlich aus der Erde, und mit rund 700 Milliarden US-Dollar Devisenreserven kann sich die saudische Regierung vorerst sicher fühlen. Doch dass diese Abhängigkeit riskant ist, dürfte den Machthabern in den vergangenen Monaten wieder deutlich geworden sein.

Damit bei der Haushaltsplanung unterm Strich eine schwarze Null steht, müssen die Saudis jedes Fass Öl für etwa 100 Dollar verkaufen. Zurzeit bekommen sie auf dem Weltmarkt aber rund 30 Prozent weniger. Gleichzeitig steigen die Ausgaben: Der Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" belastet das Budget, ebenso die Intervention gegen schiitische Huthi-Milizen im benachbarten Jemen. Dazu kommen viele ambitionierte Bau- und Infrastrukturprojekte wie der King Abdullah Financial District. Dieses Jahr könnte der Staat mit einem Minus von 40 Milliarden Dollar abschließen. Es wäre das größte Defizit in der Geschichte Saudi-Arabiens.