Bornholm liegt in der Südsee, jedenfalls am ersten Tag. Der Strand ist breit und weiß, und die Sonne brennt so heiß auf den Sand, dass wir Fata-Morgana-Pfützen sehen. Und erst das Meer. Nicht eine Welle ist zu sehen.

Schlimmer könnte es nicht sein.

Mit meinem neunjährigen Sohn Johannes bin ich auf die dänische Ostseeinsel Bornholm gefahren, um Meerforellen zu angeln. Deshalb stehen wir am späten Nachmittag in Latzhosen aus dickem Neopren am Ufer. Drunter tragen wir Fleecehosen und Skiunterwäsche, auf dem Kopf eine Wollmütze.

Um Meerforellen zu fangen, steigt man ihnen bis zum Bauch ins Meer entgegen und harrt stundenlang bei Wassertemperaturen von sechs bis zehn Grad aus. Bloß, an diesem Strand ist es zu warm, zu windstill, und der Wasserstand ist zu niedrig, das mag die Meerforelle nicht. Sie ist ohnehin schon schwer zu fangen und gilt als Fisch der tausend Würfe. Menschen können sie weder züchten noch industriell befischen. Die Meerforelle entzieht sich einer Supermarktlogik, jagt in kleinen Trupps durch die Tangwälder an der Küste, und um sie zu fangen, müssen Glück und die richtigen Umstände zusammenkommen. Weil sie außerdem über einen Meter lang wird, ist sie die größte Herausforderung für Angler an der Ostsee.

Ein Mann und das Meer, auf der Suche nach dem großen Fisch, das mache ich seit ein paar Jahren hin und wieder, und fast genauso lange will Johannes mich begleiten. Wir sind oft angeln gewesen, an Kanälen, Seen und Flüssen, es verbindet uns. Aber zum Meerforellenfischen habe ich ihn nie mitgenommen. Ich wollte nicht, weil ich nicht sicher war: Würde er schon so weit sein? Genug Geduld haben? Und ich mit ihm? Jetzt wollen wir es versuchen: Vater und Sohn im Meer.

Als ich unsere Reise vorbereite, stoße ich auf eine Webseite von Udo Schröter – und auf seine Bücher. Schröter war Erzieher und Diakon in Norddeutschland, inzwischen lebt er auf Bornholm und geht fischen. Anfangs tat er das für sich, mit seiner Frau, mit seinen Söhnen, aber dann hat er begonnen, darüber zu schreiben, über die Natur und das Meer und wie es ist, sich als Städter darauf einzulassen. Seit ein paar Jahren gibt er auch Vater-Sohn-Camps, und ich finde bei Schröter viele Beobachtungen, die auf Johannes und mich zutreffen. "Väter sind oft überrascht", schreibt er zum Beispiel, "wie sehr in den Jungen der Jäger erwacht."

So war es auch bei uns. Ich habe den Angelschein nur gemacht, weil Johannes bereits als Dreijähriger unbedingt fischen gehen wollte. Und damit ich auf keinen Fall durch die theoretische Prüfung falle, hat er mit vier Jahren meine Antworten im Multiple-Choice-Test kontrolliert (a, b oder c). Seither gehen wir fischen. "Die Kinder wollen mutig sein und sich beweisen", heißt es bei Schröter, "in der Stadt gibt es dafür nicht den Raum. Beim Angeln passen für die Jungen auf einmal innere und äußere Welt zusammen. Sie dürfen hier Abenteurer sein."

Meerforellen sind ein Abenteuer für sich. Doch statt zu angeln, muss ich Johannes erst mal erklären, wie schlecht die Bedingungen an der "Südsee" sind. Er sieht es ein und ist trotzdem enttäuscht, spießt auf dem Weg zurück zum Auto seine Angel in den Boden, ob achtlos oder mutwillig, ist eigentlich egal. Sofort haben wir den schönsten Vater-Sohn-Konflikt:

"Halt die Angel gerade."

"Du sagst doch, man soll Dinge ausprobieren."

"Ja, aber was eine Rute aushält, probieren wir nicht. Wenn die bricht, haben wir eine zu wenig."

"Immer nörgelst du. Ich will es so machen, wie ich will."

"Du willst Meerforellen angeln. Da musst du erst mal zuhören."

"Aber du bist nicht mein Lehrer."

"Doch, und das heißt, du machst am Anfang, was ich sage. Das ist genauso, wenn man schreiben lernt. Erst folgt man dem Lehrer, dann probiert man rum."

"Okay, aber nicht in dem Ton."