Die bisherigen Chefs müssen gehen, ein neuer Vorstandsvorsitzender ist gefunden: Mit dem Wechsel an der Spitze verschafft sich die Deutsche Bank etwas Luft bei dem Versuch, verlorenes Ansehen zurückzugewinnen. Noch aber dürften sich die Mitarbeiter der größten Bank des Landes wie Ausgestoßene fühlen – zu groß sind die Milliardenzahlungen für die Sünden der Vergangenheit, zu heftig ist die öffentliche Kritik der Aufseher, zu vage ist die neue Strategie.

Die frischen Bilder vom Prozess gegen Jürgen Fitschen am Dienstag in München und die Meldungen über eine neue Razzia am selben Tag in der Frankfurter Zentrale passen zur düsteren Lage. Alle Bemühungen der bisherigen Führung haben sie bisher nicht aufzuhellen vermocht. Mit der Berufung des Briten John Cryan zum neuen Chef könnte sich für die Deutsche Bank das Blatt wenden.

Der Blick auf ein Unternehmen, das sollten Banker mit ihrer Börsenkenntnis besser wissen als andere Bürger, ändert sich dann zum Positiven, wenn die Fakten stimmen und wenn die Erwartungen übertroffen werden. Die Erwartungen an die Deutsche Bank sind schon erschreckend niedrig, eigentlich sind sie kaum noch zu unterbieten. Und doch hat sie es zuletzt immer wieder geschafft, negativ aufzufallen. Der Wechsel an der Spitze ist seit Langem die erste positiv überraschende Nachricht. Schafft es die Bank, daran anzuknüpfen, dann hat sie eine Chance.

Es würde schon helfen, wenn nicht ständig neue Vorwürfe auftauchten

Die Fakten müssen stimmen: Als eine "gute" Bank wird die Deutsche Bank erst wieder wahrgenommen, wenn sie schnell profitabler wird und ihre Strategie konkretisiert. Dazu muss sie klarer benennen, welche Geschäfte sie in ihrem Investmentbanking künftig macht und welche nicht – aus inhaltlichen Gründen, aus geografischen Erwägungen, vor allem aber aufgrund moralischer Überlegungen. In dieser Sparte, in der es um Aktien, Anleihen oder Fusionen geht, wurzeln viele der Skandale, die dem Haus zu schaffen machen.

Sich ganz aus dem Investmentbanking zurückzuziehen wäre ein Fehler. Deutschland ist eine Exportnation, seine in aller Welt tätigen Unternehmen brauchen daheim eine Adresse, die am Kapitalmarkt über das nötige Know-how verfügt. Deshalb sollte die Bank sich auch stärker um ihre deutschen Kunden bemühen, statt zu versuchen, noch dem letzten Hedgefonds in New York zu gefallen. Investmentbanking ist nicht per se böse, genauso wenig wie die Deutsche Bank per se ein Hort von Betrügern ist.

Die Erwartungen, die es zu übertreffen gilt: Es wäre hilfreich, könnten die Ermittlungsbehörden die Deutsche Bank auch einmal für ihre vorbildliche Kooperation loben, statt sie, wie jüngst geschehen, dafür kritisieren zu müssen, die Aufklärung krimineller Machenschaften zu behindern. Es wäre nützlich, wenn nicht ständig neue Vorwürfe auftauchen würden, wie erst dieser Tage der Verdacht auf Geldwäsche. Und wenn, dann sollte die Bank bei der Aufklärung helfen und selbst an die Öffentlichkeit gehen, statt immer wieder den Entwicklungen hinterherzuhecheln. Das alles ist schwierig, aber möglich.

Der künftige Vorstandschef John Cryan könnte der Richtige sein, alle diese Herausforderungen zu bewältigen. Er ist zwar wie sein Vorgänger Anshu Jain von Haus aus Investmentbanker, aber eher einer der traditionellen Art – einer, der auf seinen früheren Posten diskret Fusionen einfädelte, statt wild mit jedem Wertpapier zu handeln, solange es nur Profit brachte. Als Finanzchef der UBS half er maßgeblich, die Schweizer Bank zu stabilisieren, als diese in der Finanzkrise vom Staat gerettet werden musste. Über das nötige politische Gespür verfügt John Cryan also offenbar. Auf jeden Fall hat er sich den Ruf erworben, ein no-nonsense banker zu sein, wie Briten gern sagen, ein Mann, der in ernsten Situationen entschieden handelt und den für die Leitung eines Instituts nötigen moralischen Kompass hat. Wenn die Finanzlage und die Reputation der UBS heute besser sind als die der Deutschen Bank, dann verdankt sie das auch ihm.

In seinem neuen Job dürfte es John Cryan helfen, dass er Deutsch spricht und die alten Skandale nicht an ihm haften. Er kommt von außen und ist damit keinen Gefolgschaften in der Londoner Dependance zu Loyalität verpflichtet. Cryan kann die Zukunft der Deutschen Bank deutlich freier gestalten, als Anshu Jain und Jürgen Fitschen es je vermochten. Viel Zeit wird auch ihm nicht bleiben, denn schon Ende Juli erwarten die Aktionäre die Details der neuen Strategie. Immerhin: Cryans Ernennung ist ein Schritt, der endlich hoffen lässt.

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