Die Nominierten des Deutschen Filmpreises, immerhin an die achtzig Kandidaten, hatten den ganzen Tag mit Presseterminen verbracht und wurden am Abend in der Pan-Am-Lounge mit einem Cocktail gefeiert. Eiskalter Wind wehte durch die Terrassentüren im zehnten Stock, Damen mit Hochfrisuren in blauen Pan-Am-Uniformen servierten Drinks, die Stimmung war fröhlich gelockert. Rainer Werner Fassbinders langjährige Kostümbildnerin Barbara Baum, die den Ehrenpreis der Filmakademie erhält, erzählte von den Dreharbeiten zu Querelle, Fassbinders letztem Film. Der Regisseur überraschte sie einmal damit, dass er nach ihrem Arm griff und sie in die Armbeuge küsste. Bei einer anderen Gelegenheit überfiel er sie mit einem Zungenkuss. Dass Querelle für den Designer Jean Paul Gaultier zur Offenbarung wurde, hatte ihres Erachtens weniger mit den gestreiften Matrosenpullovern zu tun, die Gaultier zu seinem Markenzeichen machte: "Das Beste waren die Seemannshosen. Ich habe den Latz mit Raglanschulterpolstern ausgestopft, damit es ein richtiges Gemächt ergibt. Die haben großen Eindruck auf Andy Warhol gemacht, der mit Robert Rauschenberg zu Besuch kam. Er wollte gleich eines zum Ausgehen in München. Ich habe es ihm schön mit Tigerfell überzogen."

Im Hinterzimmer lief das Pokalfinale. Burghart Klaußner interessierte es nicht. Er war für die beste Nebenrolle in Elser nominiert, einem Film über einen deutschen Schreiner, dem es 1939 fast gelungen wäre, Hitler durch eine Bombe umzubringen. Klaußner sinnierte über die wachsende Fußballbegeisterung der Frauen zu einer Zeit, in der sich die Männer, alter Rollenklischees müde, mehr und mehr von dieser Sportart distanzierten. Die viel beschworene Verwandtschaft von Fußball und Theater hielt er für einen bodenlosen Mythos und konstatierte zugleich, dass er seiner sehr eigenen Rollenauffassung wegen immer noch um jede Besetzung kämpfen müsse. Ersatzbankvertraute könnten ein Lied davon singen.

Der für die Elser-Hauptrolle nominierte Christian Friedel erzählte, wie er sich auf die Herausforderungen so einer Rolle vorbereite. Seine Technik sei eine Mischung aus Jerzy Grotowski und Lee Strasberg. "Und bei den Folterszenen habe ich einen auf Tom Cruise gemacht." Grotowski sah das Schauspiel als Ritus zur Befreiung des kollektiven Unbewussten, den der Schauspieler wie ein moderner Priester mit Körper und Stimme dirigiert. Dieser Ansatz kommt auch den Gigs der Woods of Birnam zugute, Friedels Band, für die er eifrig Werbung machte. Wenn er dort seine Stimme in höchste Höhen klettern lässt, bleibt es kaum aus, dass sein Publikum tief im Innern der weichen Grenzen zwischen Mann und Frau gewahr wird.

Rosa von Praunheim beglückte die Party im Bandleader-Jackett. Sein neuer Film Härte handelt von einer sexuell übergriffigen Mutter und den Folgen für ihren Sohn. Wir sind jung. Wir sind stark dreht sich um Brandstiftung in einem Rostocker Asylantenheim und um die Jugendlichen, die 1992 dafür verantwortlich waren. Für seinen einfühlsamen Rüpelakt wurde der Schweizer Joel Basman auf die Liste der besten Nebenrollen gesetzt. Wie sein Regisseur Burhan Qurbani, der als Sohn afghanischer Eltern in Deutschland aufwuchs, ist er das Gegenteil von einem Macho. Wenn der Film noch immer das Labor der Zukunft ist, dann deutete der Pan-Am-Cocktail darauf hin, dass wir noch ganz am Anfang der Evolution des neuen Mannes stehen. Wenn überhaupt, dann wird er auf Kunstrasen spielen, seinen Hosenlatz polstern, uns mit dem Schmelz seiner Stimme den Kopf verdrehen und sich im Notfall auf Tom Cruise verlassen.

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