Alle paar Monate ruft mein Bankberater mich an. "Wollen Sie nicht was tun?", fragt er. "Es gibt Wege, aus der Falle herauszukommen." Mein Bankberater hat eine tiefe, beruhigende Stimme. Er klingt wie ein Psychologe, der eine antriebslose Depressive von einer Verhaltenstherapie überzeugen möchte. Die Antriebslose, das bin ich, und die Falle, das ist mein Konto: Es bringt keine Zinsen. Deshalb will mein Bankberater, dass ich "aktiv werde": Er rät mir zu Aktienfonds oder einer privaten Altersvorsorge, zu irgendwas, das Geld abwirft. Mein Bankberater ist ein netter Mann. Das Problem ist nur: Ich traue ihm nicht.

Vor einigen Jahren habe ich einen Artikel über die Investitionsstrategien einer großen deutschen Bank gelesen. Der Autor beschreibt darin, wie er – ohne es zu wissen – mit den Beiträgen seiner privaten Rentenversicherung den Bau von Streubomben finanziert. Streubomben sind völkerrechtlich geächtete Waffen; sie reißen jedes Jahr Hunderten Menschen Arme und Beine vom Leib. Seitdem denke ich beim Thema Geldanlage nicht mehr an Rendite. Ich denke an verstümmelte Menschen.

Ich habe damals erwogen, meine Bank zu wechseln, aber es war dann, wie es meistens ist: Erst war keine Zeit. Und dann kam was dazwischen. Doch seit sich auf meinem Konto mehr ansammelt, als mein Bankberater für verkraftbar hält, gibt es keine Ausflucht mehr: Das Geld muss irgendwo hin. Und zwar an einen Ort, an dem es keinen Schaden anrichtet.

Ich schreibe auf, was mir wichtig ist: Ich will nicht, dass mit meinem Geld Bomben gebaut werden. Und ich glaube, dass ein klimafreundliches Investment zu mir passt: Ich habe kein Auto, fahre mit der Bahn und versuche, kurze Flüge zu vermeiden. Das Wichtigste aber ist: Ich will keine Zeit mit der Suche nach einer Geldanlage verplempern.

Ich rufe meinen Bankberater an. Er ist im Urlaub. Ich gehe zur nächsten Filiale meiner Bank und frage am Schalter, ob es einen Berater für ökologisch und sozial verträgliche Geldanlagen gibt. Die Dame am Schalter guckt nett, aber verwirrt.

"Was möchten Sie?", fragt sie.

"Ich möchte Geld anlegen und wissen, was damit geschieht."

Die Dame starrt mich an und stößt einen Seufzer aus. Sie sieht so ahnungslos aus, wie ich mich fühle.

Ich bin frustriert, verlasse die Bank und kaufe mir ein Eis. Ich finde es plötzlich albern, nach einer Geldanlage zu suchen, bei der jeder investierte Cent auf seine Umwelt- und Sozialverträglichkeit abgeklopft wird. Und gleichzeitig ein Eis zu lecken, von dem ich nicht weiß, ob die enthaltenen Haselnüsse womöglich mit Pestiziden besprüht und von Kinderhänden geerntet wurden.

Ich tippe in meine Suchmaschine die Begriffe "Geldanlage" und "nachhaltig" ein. Und lande auf einer Seite der Verbraucherzentrale Bremen. Dort wächst meine Ernüchterung: Kaum ein Fonds, der sich nachhaltig nennt, ist es auch. "39 von 44 untersuchten Investmentfonds schließen die klimaschädliche Kohle- und Ölindustrie nicht aus", steht dort. Etliche Fonds investierten in Panzer und Waffen, und einige schlössen selbst Kinderarbeit nicht explizit aus. Nur ein einziger der 44 untersuchten Aktienfonds meide "alle im Rahmen der Untersuchung als kontrovers bewerteten Geschäftsfelder konsequent". Er heißt "ÖkoWorld ÖkoVision Classic C".

Die Verbraucherzentrale bietet mir einen persönlichen Beratungstermin für "ethisch-ökologische Geldanlagen" an. Eine halbe Stunde für 30 Euro – mit Wartezeit. Und ein Anderthalb-Stunden-Intensivprogramm für 150 Euro – mit individuellem Termin. Zumindest theoretisch. Als ich die angegebene Nummer anrufe, lande ich in der Warteschleife. Ich versuche es eine Woche lang, mehrmals pro Tag. Aber ich komme nicht durch. Ich spreche auf einen Anrufbeantworter. Keiner meldet sich. "Unsere Leitungen sind oft ausgelastet", sagt später der Pressesprecher der Verbraucherzentrale. Er rät, Termine nur per Mail zu vereinbaren, und zwar am Jahresanfang. Da hätten die Berater meist mehr Zeit.

Spätestens jetzt realisiere ich, dass ich mich selber kümmern muss. Und dass ein gutes Gewissen beim Anlegen nicht unbedingt viel Geld kostet. Aber viel Zeit. Wer sie sich nimmt, findet auf der Seite der Verbraucherzentrale ein paar hilfreiche Hinweise. Etwa eine Liste von unseriösen Ökofonds-Anbietern. Gegen manche sind die Verbraucherschützer vor Gericht gezogen.

Die besten Ratschläge finde ich auf den Seiten privater Initiativen. Bei "Geld mit Sinn" zum Beispiel, einem Verein von Frauen, die über verantwortungsbewusste Investments aufklären wollen. Die Seite wirkt ein wenig esoterisch, die Informationen aber sind hilfreicher als jeder Hochglanzkatalog meiner Bank: Ich finde etwa einen Fragebogen des Verbraucherschutzministeriums. Eine Liste mit Anbietern von nachhaltigen Investments aus meiner Region. Und eine Landkarte mit spezialisierten Beratern. In Hamburg gibt es etliche. Sie haben nicht nur eine von der Unesco zertifizierte Fachausbildung, sondern auch Termine frei. Wenn mein Bankberater das nächste Mal anruft, werde ich verkünden können, dass ich aktiv geworden bin. Und ihn womöglich nicht mehr brauche.