Wolfgang Schäuble soll ziemlich verschnupft sein. Er sei mit der Kanzlerin zerstritten, habe sich mächtig über Angela Merkel geärgert, streuen seine Berater in diesen Tagen. Sogar das Wort von der Rücktrittsdrohung macht einige Stunden die Runde. Was jedenfalls stimmt: Am Montag dieser Woche ist der Finanzminister so erkältet, dass ihm sein Arzt verbietet, ins Flugzeug zu steigen und wie geplant zu einem Termin nach Frankfurt zu reisen. Dafür muss er in Berlin den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis treffen, seinen ganz speziellen Freund.

Varoufakis, der Vielredner, spricht nach dem Besuch in jede Fernsehkamera – obwohl er selbst innerhalb der eigenen Regierung kaum noch Gehör findet. Wolfgang Schäuble wiederum lässt sich gar nicht blicken, und auch das passt an diesem Tag ins Bild. Denn auch er hat beim Streit um neue Hilfsgelder für Griechenland nur noch wenig zu sagen.

Die Krise ist jetzt Chefsache. Merkel hat die Verhandlungen an sich gezogen. Sie spricht mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, sie trifft die Entscheidungen.

Am Mittwoch dieser Woche (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) wollten sich Merkel und Tsipras zum Krisengipfel in Brüssel treffen – und nur der Form halber war auch Frankreichs Staatspräsident François Hollande dabei. Bereits am Montag der Vorwoche hatte Merkel überraschend zur Nachtsitzung ins Kanzleramt geladen – und schon der Ort verriet, wo nun die Entscheidung über den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone fällt: nicht mehr in Brüssel, sondern in Berlin.

Wenn man so will, hat Merkel damit einen kurzen Blick darauf ermöglicht, wie Europa wirklich funktioniert. Dem Kontinent fehle es an Strukturen, heißt es immer wieder, an starken Führungspersonen. Doch in Wahrheit gibt es längst eine klare Struktur: Wenn es hart auf hart kommt, gibt Merkel den Ton an.

Die Kanzlerin hat es lange vermieden, in die Auseinandersetzung mit den Griechen einzugreifen – und das nicht nur, weil sie in fast jeden Konflikt spät eingreift. Merkel weiß, dass es eine Sache verändert, wenn sie zur Chefsache erklärt wird. Das gilt vor allem für Europa, dessen ideelles Fundament die Überwindung des Prinzips Chefsache war: Kleinere Staaten sollten genauso wichtig sein wie große; nicht mehr die politische oder wirtschaftliche Macht eines Staates sollte zählen, sondern gemeinsame Regeln, an die sich alle zu halten hatten. Der Stabilitätspakt für die Staatsfinanzen zum Beispiel oder das Gebot der Unabhängigkeit der Zentralbank.

Nun aber hat Merkel für einen Moment den Schleier weggezogen. Und es ist völlig offen, ob sie die Währungsunion damit rettet – oder womöglich sogar zerstört.

Natürlich gab es in der Geschichte der EU immer wieder Alleingänge. Im Juni 2010 forcierten Merkel und der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Idee einer Wirtschaftsregierung für die Euro-Zone. Und im Oktober 2010, beim berühmten Strandspaziergang in Deauville, vereinbarten sie, den Stabilitätspakt zu lockern und Banken und Versicherungen stärker an den Kosten der Krise zu beteiligen. Doch "Merkozy" blieb eine Phase, und irgendwann war Sarkozy ja auch weg.

Nun aber hat das Ganze eine neue Qualität. Und längst nicht alle Staaten in der EU sind darüber begeistert.

Als Merkel und Hollande im März schon einmal in kleiner Runde mit Tsipras, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und dem EZB-Chef Mario Draghi zusammentrafen, protestierte ausgerechnet der belgische Ministerpräsident Charles Michel – sonst einer der ruhigeren Politiker – lautstark. Er habe weder Berlin noch Paris ein Mandat gegeben, in seinem Namen zu verhandeln, zürnte der Belgier: "Ich schätze diese Methode nicht." Schließlich seien viele Länder von der Lage in Griechenland betroffen. Michel sprach aus, was auch andere Länder umtrieb. Merkel versicherte damals den Kollegen: "Entscheidungen trifft immer noch die Euro-Gruppe."

Von wegen. Zwar kennt Merkel die Bedenken ihrer europäischen Partner: Sie hat sich in den vergangenen Wochen auch mit dem Gegenentwurf auseinandergesetzt – der Frage nämlich, was es bedeutete, wenn alle Regeln immer eingehalten würden. Dann wäre Griechenland wahrscheinlich heute schon kein Mitglied der Euro-Zone mehr, weil die Europäische Zentralbank dem Land kein Geld mehr zur Verfügung stellen dürfte. Dann würde im Bundestag darüber gestritten werden, wer die Kosten trägt, wenn die Griechen die bereits an sie vergebenen Hilfskredite nicht mehr zurückzahlen und damit allein Deutschland einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag abschreiben müsste. Dann würde sich in Griechenland eine humanitäre Katastrophe abspielen, und man würde an die deutsche Kanzlerin die Frage stellen, wie sie so etwas zulassen konnte. Dann würden Russland und China das Chaos nutzen, um ihre Einflusssphären auszuweiten.

Dann wäre also Angela Merkels Rettungspolitik vor den Augen der Weltöffentlichkeit gescheitert, und möglicherweise wäre Europa am Ende.

Es gibt in der Politik immer wieder Situationen, in denen es sich auszahlt, Regeln zu brechen, weil das am Ende für alle besser ist. So war es zu Beginn der Finanzkrise, als der Staat viel Geld in die Hand nahm, um die Wirtschaft zu stützen. So war es beim Atomausstieg, als Angela Merkel die mit den Energiekonzernen vereinbarte Verlängerung der Laufzeit für die Atomkraftwerke brach. Und so war es nach dem Mauerfall, als Helmut Kohl ohne Absprache im Bundestag sein Zehn-Punkte-Programm zur Wiedervereinigung vorstellte.

Deswegen ist die Kanzlerin jetzt bereit, den Griechen entgegenzukommen. Sie würde die Sparauflagen für das Land abschwächen, wenn sich die Griechen im Gegenzug zu Rentenkürzungen, Reformen am Arbeitsmarkt und einer Anhebung der Mehrwertsteuer verpflichten.

Ihr tut etwas für uns, und wir tun etwas für euch – das ist Merkels Angebot. Bloß: Wollen die Griechen es überhaupt annehmen?

Am Freitag der vergangenen Woche tritt Alexis Tsipras in Athen vor das Parlament. Kurz zuvor haben seine Leute den Vorschlag aus Berlin übermittelt bekommen. Würde er umgesetzt, dann drohten "niederschmetternde Einschnitte" für Familien und Rentner in Griechenland, sagt Tsipras unter dem Applaus der Abgeordneten. Die ganze Sache sei "absurd".