Birgit Minichmayr und Martin Wuttke in "John Gabriel Borkman" © Reinhard Werner/Burgtheater

Zweiter Abend: John Gabriel Wuttke

Auch dieser zweite Wiener Abend sucht den Geleitschutz eines großen Namens. Der junge, als A-Talent gehandelte australische Regisseur und Autor Simon Stone hat Henrik Ibsens Schauspiel John Gabriel Borkman umgeschrieben und inszeniert. Er hat das Stück von 1896 in unsere Zeit verschoben, indem er Ibsens Figuren die Kulturtechniken unserer Tage in die Hand gab.

Leute, die sich gerade erst kennenlernen, kennen einander doch längst von gewissen Facebook-Seiten, Unglückliche googeln sich selbst, Liebende hoffen auf gemeinsame Skype-Abende, und der betrügerische, seit Jahren im Obergeschoss seines Hauses verbarrikadierte Bankier J. G. Borkman leidet darunter, dass alte Fotos von seiner Verhaftung im Netz stehen. Es macht Stone ein verstohlenes Vergnügen, dem finsteren Ibsen all diesen modernen Mist unter den Backenbart zu schieben. Aber die Veranstaltung hat auch einen seriösen Kern. Erzählt wird die Geschichte des Fortschritts als Geschichte wachsenden Komforts und innerer Verarmung: Nicht mehr der Kontakt zwischen zwei Menschen bedeutet "Gesellschaft", sondern der Kontakt zwischen einem Menschen und seinem Device. Das "Endgerät" ist sein letzter Vertrauter.

Moral, Gesellschaft, Gewissen: Diese alten Begriffe, sagt Stone, werden heute verkörpert und aufgehoben durch die Cloud, die große Datenwolke, die über uns allen schwebt. Seine Bühnenbildnerin Katrin Brack wendet die Sache ins Räumlich-Praktische, indem sie aus einer unsichtbaren Schneewolke pausenlos Kunstflocken auf die Bühne schneien lässt. Unter diesem Material ruhen die Figuren auf der Bühne, mythische Wesen wie von Beckett oder Matthew Barney. Wenn sie einen Auftritt haben, rappeln sie sich hoch und schütteln die Flocken aus den Haaren. Der grelle Übermut solcher Szenen erinnert an die frühen, grabschänderischen Arbeiten von Frank Castorf, etwa an seinen Basler Wilhelm Tell, und die Aufführung wäre ein womöglich peinlicher Schmarrn, wenn sie von den Hauptdarstellern Martin Wuttke, Birgit Minichmayr und Caroline Peters nicht so entschlossen in Richtung eines großartigen Schmarrns gezerrt werden würde.

Ibsens Borkman ist ja auch die Geschichte einer erotischen Falle: ein Mann zwischen Zwillingsschwestern. Es ist ein gusseisernes Dreiecksjoch, in dem sie alle stecken: Stone rüttelt daran und macht sich über die Konstruktion lustig. John Borkman (Wuttke) heiratet aus ökonomischem Kalkül Gunhild (Minichmayr), die er nicht liebt, und verliert Ella (Peters), die er innig liebt. Das unerfüllte Leben hält die drei gefangen.

Birgit Minichmayr füllt die Rolle der Gunhild mit einer wie vom Spliss gespaltenen Stimme: Heiserer Überdruck in jedem Wort! Caroline Peters als todkranke Pflegemutter von Borkmans Sohn Erhart: Auf eine anmutige, von starkem Willen kündende Art spielt sie das schiere Gegenteil ihrer Erscheinung, nämlich Schwäche und schwindende Schönheit.

Und Wuttke stapft wie ein Winterkriegsherr durch den Schnee, um Standfestigkeit bemüht, Flocken wegblinzelnd, ein Wesen irgendwo zwischen Louis de Funès und Napoleon Bonaparte. Dem Castorf-Theater ist er vorerst entkommen, und doch ist er dessen stolzester Herold. Sicher wird er bald dorthin zurückkehren, jedenfalls segnet er seine Figur mit jener Todesverachtung, die man von dem Regisseur Castorf lernt.

Ibsen gilt als Urvater aller TV-Krimis, und es ist eine hübsche Nuance, zu erleben, mit welchem Hohn Wuttke, der frisch entlassene Tatort - Kommissar, das Geheimnisvolle seiner Rolle denunziert. Der Wiener Borkman interessiert sich allein für die Frage, ob auf seinem Sandwich genügend scharfe Jalapeño-Schoten sind: Die Welt ist kalt, und gegen Kälte hilft innere Hitze.

Dritter Abend: Antigone im Berghain

Der Rest ist schnell erzählt. Carl Hegemann, ehemaliger Dramaturg und listiger Außenminister des Castorfschen Reichs, ist Co-Dramaturg dieser Antigone am Burgtheater. Es hat aber nichts geholfen. Jette Steckel inszeniert, Joachim Meyerhoff spielt den Kreon. Hier entwickelt sich eine vollständig auf Effekten beruhende Aufführung, in der vom Volksbühnen-Irrsinn nichts zu finden ist. Eher schon Kalkül, Wirkungsterror: Sophokles im Berghain. Die Unerbittlichkeit des Rechts, das Kreon spricht, verkörpern 80 sengende Scheinwerfer, die wie Verhörlampen in den Theatersaal gerichtet sind. Eine Starkstromtragödie ohne tieferen Gedanken. Der Herrscher spricht das Gesetz der Wüste, und Teiresias, der blinde Seher, singt ein Lied von Leonard Cohen: I’ve seen the future, baby: It is murder.

Glauben wir gar nicht. Die Zukunft gehört Castorf.