Das ist immer so eine Frage, wie ein Schauspieler ein Café betritt. Dieser Frederick Lau, 25 Jahre alt – der deutsche Schauspieler, über den gerade alle reden und über den gerade alle alles wissen wollen –, macht es auf die denkbar normalste Art, er geht zügig durch den Garten. Oben an der Bar, wo man einen Ausblick aufs Lokal hat, begrüßt er den Barmann mit einer Umarmung, dann setzt er seinen Auftritt: Lau zieht die Sonnenbrille hoch. Man muss ihn jetzt nicht anschauen, aber man möchte es. Frederick Lau hat – das ist schon ein Schocker – genau das Gesicht des jungen Marlon Brando in Endstation Sehnsucht. Es ist heute der Tag, an dem der Schauspieler über Sebastian Schippers Victoria mit der Presse redet, den Film, der bei der Berlinale für Furore gesorgt und einen Silbernen Bären gewonnen hat. Beim Deutschen Filmpreis, der am 19. Juni vergeben wird, ist Lau als bester Hauptdarsteller nominiert. Er lässt die Sonnenbrille zurück ins Gesicht rutschen, tritt an den Tisch, erklärt: "Ich habe den ganzen Tag geredet. Wollen wir eine Flasche Rotwein zusammen trinken?"

Am Tisch muss Lau dann erst mal einen alten Kumpel, den Schauspielerkollegen Kida Ramadan, begrüßen, einen ehemaligen Breakdancer, einen echten Straßenschauspieler. Zwei Kumpels, die sich über ihre Kinder und die Pläne für die nächsten Tage austauschen. Frederick Lau bittet darum, dass der Name Kida Ramadan im ZEIT-Porträt erwähnt wird: "Das ist mein großer Bruder, der auf mich aufpasst, wir treffen uns immer hier." Machen wir, gerne.

Schippers Victoria ist ein Film, der im besonderen Maße die Neugier auf die echten Leben, Charaktere, Biografien weckt, die hinter den fünf Hauptpersonen des Films stecken: vier Jungs in Berlin, die auf die schönen Namen Blinker, Boxer, Fuß und Sonne hören und auf ein Mädchen aus Spanien mit dem Namen Victoria treffen und sich mit ihr auf einen rauschhaften Trip durch die Nacht begeben. Der Film startet im Stroboskoplicht eines Technoclubs, es gibt sagenhaft charmante Szenen des Kennenlernens, es gibt sagenhaft beiläufige und poetische Szenen des Abhängens und Rumspielens auf der Straße, dann zieht das Tempo des Films an, und es gibt Actionszenen, wie man sie auch aus dem Sonntagabendprogramm des deutschen Fernsehens kennt: Banküberfall, Verfolgungsjagd mit der Polizei, Shoot-outs, das Liebespaar Sonne und Victoria kann sich in ein Luxushotel retten, Tränen, Blut, dramatischer Abschied. Die technische Besonderheit, die den Film, lange bevor er an diesem Donnerstag im Kino anläuft, zum Gesprächsthema machte und dann eben doch gewaltig von jedem Tatort unterscheidet, ist, dass Victoria ohne einen Schnitt gedreht wurde: 140 Minuten und 22 Drehorte in einem Durchgang, ein einziger bebender, pulsierender, fieberhafter Rausch.

Regisseur Sebastian Schipper – mit seinem Debüt Absolute Giganten legte er 1999 einen Film hin, der das deutsche Kino bis heute beschäftigt – hat keine Dialoge geschrieben, es gab kein Drehbuch, die Schauspieler quatschen einfach, was ihnen in den Szenen in den Kopf kommt und was die Dramaturgie der Handlung gerade von ihnen verlangt. Victoria ist, vor allem in der ersten, noch ruhigen halben Stunde, auch ein Sprachfilm. Weil Victoria eine Berlin-Zugezogene aus Spanien ist, müssen die Jungs Englisch reden – so kommt es zu den schnellsten, wahrhaftigsten, ungekünsteltsten Dialogen, die man seit Jahren im deutschen Kino gehört hat. Frederick Lau stellt sich bei Victoria als Sonne vor, "Sonne like sun, always happy, always smiling". Über seine Jungsgang sagt er: "We are original Berlin, you know, we are not zugezogen." Und dann kommt das Versprechen, mit dem die Nacht der fünf ihren Ausgang nimmt: "Now you met us, you can be really glücklich." Victoria (von der Spanierin Laia Costa gespielt, die ebenfalls für den Deutschen Filmpreis nominiert ist) nimmt Sonne in das Café mit, das sie am Morgen aufschließt, und dann ist da die Szene, die im deutschen Kino Geschichte schreiben wird, weil sie von so einer ungeheuren Leichtigkeit, Poesie und Zartheit ist. Sonne setzt sich an ein Klavier und behauptet, ein professioneller Pianist zu sein: "You know, my uncle was Mozart." Es reicht dann nur zu Geklimper. Sie antwortet mit einem konzertreifen Vortrag an den Tasten, die Kamera verweilt zum ersten Mal in Ruhe auf dem Gesicht von Frederick Lau: "I think I’m falling in love with you."

Rückschnitt in das Café in Kreuzberg: Dieser Frederick Lau ist ein enorm körperlicher Mensch. Wenn er spricht, wirft er gerne die Arme hinter den Kopf, streckt den Rücken durch und streicht sich mit beiden Händen die Haare aus der Stirn. Der Schauspieler hat einen Boxerkörper und, im besten Sinne, eine Boxervisage, von ihm geht eine altmodische Aura aus: Er sieht nach Schwarz-Weiß-Filmen und nach dem Berlin der zwanziger und fünfziger Jahre aus. Den Film Victoria dirigiert Lau immer auch mit seinem Körper: Es scheint, dieser Schauspieler kann mit den Schultern lächeln, mit dem Bauch den Weg frei machen, mit den Hüften "I love you" sagen und mit dem Rücken um Verzeihung bitten. Ihn jetzt noch mal genau betrachten: Quer durch die Stirn des Schauspielers zieht sich eine tief sitzende Falte. Die Augen wandern unruhig, mit dem In-die-Augen-Gucken hat es Frederick Lau nicht so. Seine nervöser Tick ist das Abtasten des feinen Schnurrbarts, den er sich für seine neue Rolle hat wachsen lassen (er spielt einen Polizisten im Berlin der zwanziger Jahre). Und Frederick Lau möchte sich für das modische Accessoire Schnurrbart, das ihm natürlich exzellent steht, gleich entschuldigen: "In Neukölln und Kreuzberg kommt der nicht so gut. Meine Freunde denken schon, ich sei jetzt endlich auch im Hipster-Reich Berlin angekommen."

Lau, Sohn eines Trödelhändlers und einer Krankenschwester, im August des Mauerfalljahrs 1989 in Berlin-Steglitz geboren und dort aufgewachsen, ist mit seinen 25 Jahren, so muss man das sagen, längst ein alter Schauspieler-Hase. Seit seinem zehnten Lebensjahr vor der Kamera, besuchte Lau nie eine Schauspielschule. Als Jugendlicher war er ein erfolgreicher Sportler (Judo, Eishockey), über Frederick Lau gibt es den schönen, aber faktisch widersinnigen Satz, dass er zur Schauspielerei kam, weil er Berliner Judomeister war. Für Die Welle (2008) mit Jürgen Vogel wurde er als bester Nebendarsteller mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, 2011 kam der Grimme-Preis.