Die meisten klassischen Klavierkünstlerkonzertreisen ähneln einander. Auspacken, zum Saal fahren, den Flügel ausprobieren, zurück ins Hotel. Pause, schlafen, Auftritt. Und danach vielleicht noch ein Interview – zur Musik. Das Weltgeschehen bleibt weitgehend draußen. Aber es gibt auch Musiker, die die alten Pfade des Betriebs meiden. Und sich der Welt stellen, ganz konkret.

Gabriela Montero zum Beispiel, geboren 1970 in Caracas und derzeit in Los Angeles zu Hause, wird in den nächsten Wochen in Europa nur unter anderem das a-Moll-Klavierkonzert von Edvard Grieg spielen (in Cardiff) und das b-Moll-Konzert von Peter Tschaikowski (in Brüssel), beides relative Reißer, wiewohl anspruchsvoll, will man die einschlägigen musikalischen Klischees nicht bedienen. Montero ist da allerdings kaum gefährdet.

Der Rest ihrer Reise ist ein Abenteuer und besteht etwa aus der Begleitung von Lichtspielszenen. Zwar kennt Montero die aufgeführten Stummfilme bereits: Murnaus Faust (den sie an der Komischen Oper Berlin am Klavier kommentierte) und Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin. Was sie zu den Filmen aber jetzt auf zwei Festivals spielen wird, stundenlang und aus dem Dunkel heraus, weiß sie noch nicht. Genauso wenig weiß sie – zweiter Teil des Abenteuers –, welche Wünsche das Publikum nach der Pause hat, wenn sie demnächst auf Schloss Johannisstein oder in der Londoner Wigmore Hall mit ihrem Recital gastiert.

Für diese moments musicaux, die zu einer Lehrstunde in ungehemmter Kommunikation werden können, ist Montero berühmt geworden. Das Prozedere ähnelt sich, nur das Thema wechselt. Ein Zuhörer steht auf und singt, von Montero ermuntert, eine Melodie. Manchmal einigt sich auch der Saal kollektiv auf eine Weise. Montero präludiert ein wenig vor sich hin, überlegt kurz, sammelt sich und macht dann in immer hin- und mitreißenderen Improvisationen aus dem Volkslied einen Boogie-Woogie, aus dem Standard eine Fuge und aus dem Schlager ein Impromptu. Kleine Funken werden zu Feuerwerken, und danach verlassen fast alle den Saal im Bewusstsein, etwas Einmaliges erlebt zu haben: Musik als Sprache und Mittler.

Montero nennt das "Geschichtenerzählen" und verweist darauf, dass sie beim Improvisieren eigentlich nichts anderes tue als Schumann oder Schubert beim Komponieren: Stimmungen übersetzen, Emotionen transportieren. Wir sitzen in der Lobby des Hilton in München. Das mit Schumann und Schubert sagt sie ohne jede Hybris. Und wie geht Improvisieren? Montero zuckt mit den Schultern und legt den Kopf ein wenig schief: "Musik findet immer ihren Weg." Kurze Pause. "Aber haben Sie die Schüsse gehört?"

Die Schüsse. Montero, gefördert von Martha Argerich und Friedrich Gulda, hat gerade mehr als eine neue CD aufgenommen. Sie fängt versöhnlich an, nämlich mit Sergei Rachmaninows c-Moll-Klavierkonzert, Opus 18, und sie hört versöhnlich auf, nämlich mit ihren eigenen glasklaren und gedankenreichen Improvisationen. Irgendwie scheint sie ein Lied in allen Dingen zu wecken. Fünfzig Minuten lang. Dreizehn Minuten und zweiundzwanzig Sekunden indes gehören Ex Patria, Monteros erster großer Komposition für Klavier und Orchester (gespielt vom YOA Orchestra Of The Americas unter Carlos Miguel Pietro). Das Stück hat sie in memoriam ihrer Heimat geschrieben, Venezuela, wo sie aufwuchs. Normale Familie, relativ normale Verhältnisse. 1978 ging sie als Hochbegabte mit einem Stipendium in die USA, kehrte regelmäßig zurück und lebte von 2003 bis 2006 mit ihren beiden Töchtern dort. Seit mindestens vier Jahren jedoch glaubt Montero ihre Heimat verloren zu haben: an "staatliche Gewalt und Korruption".