Noch nie in der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) ist dessen Präsident von der politischen Führung derart in den Senkel gestellt worden wie Gerhard Schindler von der Regierung Merkel. Schindlers Dienst, so der Verdacht, soll im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes NSA deutsches Recht gebrochen haben. "Derzeit", so hatte Regierungssprecherin Christiane Wirz kürzlich gesagt, "besteht kein Anlass zu personellen Konsequenzen." Wie lange aber ist "derzeit"?

Wer BND-Präsident wird, schließt mit seinem Dienstherrn, dem Kanzleramt, einen Deal, der nie in Worte gefasst wird. Aber beide Seiten kennen ihn. Er lautet: Der Präsident bekommt ein sehr, sehr schönes Gehalt, wird jedoch still fallen gelassen, sobald etwas schiefläuft. Schindler hat das gewusst. Doch in seinem Fall ist der Deal geplatzt, gleich doppelt: Das Kanzleramt hat ihn fallen lassen – nicht still, sondern krachend laut. Und Schindler hat das nicht so weggesteckt wie vorgesehen.

Offiziell spricht Schindler in diesen Tagen nicht mit Journalisten. Das Kanzleramt möchte die Kontrolle über die öffentliche Darstellung des Schlamassels in der Hand behalten. Schließlich liegt die politische Verantwortung für das, was der Dienst tut, beim Kanzleramtschef, bei Peter Altmaier, und damit letztlich bei Angela Merkel selbst. Wer Schindler in diesen Tagen trotzdem nahekommen will, muss das auf Umwegen tun und Gespräche führen, die nie stattgefunden haben dürfen.

Als das Kanzleramt Ende April eine Pressemitteilung herausgab, in der von gravierenden "technischen und organisatorischen Defiziten beim BND" gesprochen wurde, war man sich beim Dienst sicher: Ein Kopf wird rollen. Und es wird nicht der von Peter Altmaier oder Innenminister Thomas de Maizière sein. Sondern der von Gerhard Schindler.

Aber Schindler will sich damit nicht abfinden, obwohl das doch der Deal ist. Für den Reserveoffizier ist das alles bitter ironisch. Der FDP-Mann sieht sich als Reformer an der Spitze des BND, als den Präsidenten, der den Dienst in die Ära der Cyberwars führt. Zugleich auch als den Mann, unter dessen Führung 2013 überhaupt zum ersten Mal systematisch überprüft wurde, welche Suchbegriffe von der NSA in die Rechner des BND eingespeist werden. Als Schindler sein Amt antrat, hatte er "No risk, no fun" als Motto ausgegeben. Er wollte den Dienst internationaler machen, operativer, technisch ambitionierter. Deshalb hatte er auch lange Zeit kein Problem in der Kooperation mit den Amerikanern gesehen. Im Gegenteil, aus den Snowden-Dokumenten geht hervor, dass die NSA Schindler dafür lobte, bei der Bundesregierung auf die Lockerung des Datenschutzes gedrängt zu haben.

Schindlers Version der "BND-Affäre" geht etwa so. Seit dem 1. Januar 2012 dient er als Präsident des Nachrichtendienstes einer Demokratie, deren politische Elite lieber nicht so genau definieren will, was ihre Geheimdienste dürfen und was nicht. Deshalb gab es nie eine Dienstanweisung für die Zusammenarbeit mit den Amerikanern. Man habe zwar darauf geachtet, dass keine deutschen Staatsbürger abgehört würden. Schindler ist deshalb überzeugt, dass der BND nicht gegen deutsches Recht verstoßen habe.

Aber noch gibt es den Vorwurf, es seien europäische Politiker und Institutionen abgehört worden. Schindler will das nicht ausschließen. Nur: Wenn es dazu gekommen sein sollte, mag es peinlich für die Bundesregierung sein – illegal wäre es nicht.

Zuletzt wurden Unterlagen geleakt, nach denen Schindler hinter dem Rücken des Kanzleramts mit dem britischen Geheimdienst GCHQ an dem Datenaustausch-Programm "Monkeyshoulder" gearbeitet habe, das den Briten den Zugriff auf den Internetknoten in Frankfurt am Main erlaubt hätte, über den der gesamte deutsche Datenverkehr läuft. Tatsächlich aber wusste das Kanzleramt nach Informationen der ZEIT darüber längst Bescheid – und hatte nichts gegen die Zusammenarbeit. Die insinuierte Lesart, der risikofreudige Schindler allein habe an problematischen Kooperationen Schuld, ist also falsch.

Schindler steht nun von drei Seiten unter Beschuss: von den Abgeordneten, vom Kanzleramt und aus den eigenen Reihen, wo er sich nicht nur Freunde gemacht hat. Die Information über die Liste mit den Suchbegriffen der NSA gelangte aus dem Bundesnachrichtendienst ins Kanzleramt, bevor Schindler sie hatte. Als er 2012 für den damaligen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel einen Teppich im Dienstflugzeug mitnahm, lancierten BND-Leute das an die Presse.

Nie ist der Bundesnachrichtendienst so wenig geheim gewesen wie heute – aber es ist eine erzwungene Transparenz. Woche für Woche werden im NSA-Untersuchungsausschuss Techniker und Abteilungsleiter des BND unter den Augen der Hauptstadtpresse gegrillt. Was dabei zutage tritt, ist der Kampf zweier Kulturen: "Legalisten" gegen "Hardliner" – Gesetzeshüter gegen Aktivisten, die auch mal fünfe gerade sein lassen. "Schindler sitzt da zwischen den Stühlen", meint Christian Flisek, Obmann der SPD im NSA-Ausschuss. "Wenn er so eindeutig ein Reformer wäre, wie er das von sich selbst denkt, dann hätte er längst für eine bessere Fehlerkultur sorgen müssen."

Flisek spielt auf einen Vorgang an, der den Abgeordneten die Sprache verschlug. Im Oktober 2013 hatte ein Unterabteilungsleiter eine Liste amerikanischer Suchbegriffe gelöscht, die gegen deutsche Interessen verstießen. Davon hatte er aber angeblich niemandem etwas gesagt – sodass die Information weder seinen direkten Vorgesetzten noch den BND-Präsidenten und schon gar nicht das Kanzleramt erreichte. Der Mann ist wie viele Mitarbeiter der Abteilung "Technische Aufklärung" Soldat, sein Vorgesetzter ist General. Flisek konfrontierte Schindler mit dem "verheerenden Eindruck", dass sich im BND ein soldatischer Zusammenhalt breitgemacht habe, in dem man Dinge erledigt, ohne Vorgesetzte zu belasten. Eben so, dass am Ende niemand die Verantwortung trägt.

Gerhard Schindler hat vor dem Untersuchungsausschuss offiziell diese Verantwortung übernommen, für alle seine 6500 Mitarbeiter. Er hat eingeräumt, dass die Bundesregierung, die ihm derzeit jede politische Rückendeckung verweigert, recht hat mit ihrer Kritik am BND. Er hat gekämpft für seinen Dienst, aber er hat manchmal auch einfach sagen müssen: "Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte."

Schindler hat den BND modernisiert, ihn schlagkräftiger und weltgewandter gemacht. Doch wo er Terrorismus, Proliferation und Organisiertes Verbrechen sieht, da sehen andere Datenschutzprobleme. Das wird er besser ausbalancieren müssen. Am Ende aber weiß Gerhard Schindler natürlich, dass ein Deal ein Deal bleibt. Das Buch, das derzeit auf seinem Nachttisch liegt, ist von Hape Kerkeling und heißt: Ich bin dann mal weg.