Nachdem sie die Nachbarsfamilie ausgelöscht hatten, Vater, Mutter, Kind, gehen die Mörder in aller Ruhe ein Haus weiter und finden dort neue Opfer. "Warum tut ihr das?", fragen die Todgeweihten verzweifelt. Die jungen Mörder, weiße Pullover, weiße Hosen, lachen nur. Nein, wir kommen aus gutem Hause, und eine schlimme Kindheit hatten wir auch nicht. Wir töten, weil wir töten.

Die Szene aus Michael Hanekes Film Funny Games war seinerzeit ein Skandal, doch für den Hamburger Literaturwissenschaftler, Mäzen, Stifter und Institutsdirektor Jan Philipp Reemtsma zeigt sie gewiss nur eins: die Wahrheit über menschliche Gewalt. Ein halbes Leben hat sich Reemtsma mit Gewalt beschäftigt und zu ihrer Erkundung 1984 sogar ein eigenes Institut gegründet, das Hamburger Institut für Sozialforschung. Der Sohn eines Hamburger Tabakunternehmers, der 1996 selbst Opfer einer Gewalttat wurde, hatte damals seine Firmenanteile verkauft, um mit dem Geld etwas Vernünftiges anzustellen. So darf man es getrost wiederholen: Ohne Reemtsmas intellektuelles Investment, ohne seine Forschungsstätte und ohne deren Zeitschrift Mittelweg 36 sähe unsere Diskurslandschaft ärmer aus. Und ohne die beiden heftig umkämpften Wehrmachtsausstellungen glaubte Deutschland immer noch, Hitlers Truppen seien "sauber" geblieben.

Vor Kurzem hat Reemtsma die Leitung seines Instituts an den Soziologen Wolfgang Knöbl übergeben und sich gleichsam offiziell mit einem Vortrag über Gewalt als attraktive Lebensform verabschiedet. Für Reemtsma, so darf man ihn verstehen, sind wir wie die ratlosen Opfer aus Hanekes Funny Games. Verzweifelt fahnden wir nach Gründen für menschliche Gewalt, und noch im Abscheulichen suchen wir nach einem moralisch akzeptablen Motiv, nach dem Sinn im Sinnlosen.

Doch das ist – sinnlos. Für Reemtsma verdecken unsere Erklärungen nur das Phänomen, oder paradox gesagt: Mit der Fackel der Aufklärung blenden wir uns selbst. Wir halten uns das Unerklärliche durch "Gründe" vom Leib.

Reemtsma kritisiert diesen spekulativen Selbstbetrug; verdächtig ist ihm der Siegfrieden des Soziologen, der mit seinen terminologischen Bodentruppen alle Gewaltausbrüche palliativ wegerklärt und damit die zarten Seelen des Publikum beruhigt – Gewalt benannt, Gewalt gebannt, bis zum nächsten Mal. Sein Gegenprogramm lautet "dichte Beschreibung". Statt nach Gründen zu suchen, sollten die Forscher das Unerklärliche erst einmal anerkennen: die "cäsaristische Selbstermächtigung zum großen ›Du darfst‹", die rauschhafte Radikalisierung in der Gruppe, der mörderische Spaß an Entgrenzung und exzessiver Entsublimierung. Mitten im langen europäischen Frieden ziehen junge Leute los, um im irakischen Zweistromland Köpfe abzuschneiden und die Denkmäler der frühen Zivilisation in die Luft zu sprengen.

Es fragt sich allerdings, ob Reemtsma nicht Gefahr läuft, historische Gewalt durch die Behauptung ihrer Unerklärlichkeit zu verdunkeln. Denn ganz so einfach ist es ja nicht. Die Unruhen in Baltimore hatten nichts rätselhaft Eruptives, im Gegenteil, man wunderte sich, dass es in den USA so lange ruhig geblieben war. Und die apokalyptische Gewalt im Irak hat der Religionsphilosoph René Girard zu einem Zeitpunkt vorhergesagt, als sich George W. Bush noch für seine mission accomplished feiern ließ. Reemtsma sei "zu bescheiden", bemerkte denn auch Wolfgang Knöbl, die Soziologie dürfe sich ruhig mehr Erklärungskraft zutrauen.

Gleichwohl würde Reemtsma auf dem Rätselcharakter der Gewalt beharren. Rätselhaft bleibt der satanische Überschuss, das Lachen der Killer, die bestialische Wut, das hingebungsvolle Abschlachten, überhaupt die vollständige Abwesenheit von Regungen, mit denen das tolle Menschenwesen sich gemeinhin über das Tier zu erheben pflegt. Und rätselhaft bleibt die Tatsache, dass sich die Moderne als Zeitalter nach der Gewalt versteht und doch die gewalttätigste Epoche in der Geschichte ist.