Das größte Talent von Günther Jauch lag immer in seinem Blick. Wie er so guckt! Wie er guckt, wenn jemand etwas sagt, man weiß nicht, ist es skeptisch, verwundert, lauernd oder einfach nur leer. Mit seinem Gucken – mit seinem ausdruckslosen Blick hinter dem funkelnden Brillenglas – hat Günther Jauch die politische Talkshow der ARD am Sonntagabend mindestens so geprägt wie zuvor Anne Will durch ihren Spott und ihre Beharrlichkeit oder Sabine Christiansen durch ihren Willen zum entfesselten Durcheinander. Die Leere in seinen Augen hätte die Macht gehabt, seinen Gesprächspartnern alle Kraft aus den Adern zu saugen und ihren Argumenten jede Plausibilität zu entziehen.

Günther Jauch wäre der Killer unter den Moderatoren geworden, wenn er nicht zugleich über einen eisernen Willen zur Harmlosigkeit verfügte. Ist es ein Verlust, dass er nun die Show zum Jahresende aufgibt, "aus beruflichen und privaten Gründen", wie seine ebenfalls überragend ausdruckslose Begründung lautet? Man hat ihn oft kritisiert, für sein pedantisches Hantieren mit Notizkärtchen, für seine Milde gegenüber haltlosem Politikergefasel, für seine Furcht vor Streit und Zuspitzung und seine grundsätzliche Abneigung, die Kontrolle abzugeben an das Chaos, auf das in dieser Sendung eigentlich alles zulaufen will und unter der Gründerin Sabine Christiansen auch tatsächlich immer zulief. Aber der Quote hat Jauchs Leere niemals geschadet, die Zuschauer wollten ihn sehen und haben ihn zu Millionen, durchschnittlich 4,65 Millionen, eingeschaltet.

Die überragende Fernsehintelligenz des Mannes zeigte sich darin, dass er alles unterließ, was diese Intelligenz hätte verraten können. Intelligenz im Fernsehen wirkt immer arrogant. Günther Jauch wollte aber niemals durch seine Überlegenheit beeindrucken, sein Lebensziel hieß offensichtlich nur: sympathisch zu sein. Sah er jetzt, durch das ewige Nörgeln an einer naturgemäß sehr exponierten Sendung, die Sympathiewerte erstmals in ernster Gefahr? Wir wissen es nicht, aber seine Nachfolgerin – als sicher gilt der Rückgriff auf Anne Will – wird ohne Frage wieder viel zu interessiert, informiert und intelligent gucken, um vergleichbare Zustimmung zu erlangen.

Erfolg im Fernsehen verlangt, eine Maske zu tragen, und keiner hat sich je eine so raffinierte und undurchsichtige gebastelt wie Günther Jauch. Es ist aber nicht die Maske des Biedermanns, wie manche spotteten, und auch nicht die des idealen Schwiegersohns, wie man es ihm früher nachsagte, sondern die Maske des Kindes, das sich über vieles wundert, jedoch zu gut erzogen ist, um seinen Weltzweifel lauthals zu artikulieren. Es ist die Maske eines traurigen Kindes – und insofern sympathisch. Anne Will wird, wenn überhaupt als Kind, dann als naseweises Kind erscheinen – und insofern amüsant sein.