Kahl rasierte Schädel, hüpfende Männer, Gejohle, Polizeipferde, Rempeleien, Rauchbomben, Schreie, Fluchen, Hassvisagen und Victory-Zeichen: Twelfth Man heißt der Kurzfilm von Duane Hopkins, gefilmt vor einem Fußballspiel zwischen Newcastle United und dem Sunderland AFC. Der rasante 5-Minüter des britischen Filmemachers ist ein Höhepunkt des diesjährigen Hamburger Kurzfilmfestivals. Denn er zeigt exemplarisch, wie mitreißend und experimentell zugleich das Genre sein kann.

Und er passt auch zur Hamburger Filmgeschichte. Denn Hamburg, die Briten, der Fußball und der Experimentalfilm – da gibt es eine ganz alte Verbindung. 1970 reiste der hiesige Filmemacher Hellmuth Costard nach England, um im Stadion von Manchester United mit acht 16-Millimeter-Kameras jede Bewegung des Stürmers George Best zu filmen. Alle Kameras waren ausschließlich auf den damaligen ManU-Superstar gerichtet, der Spielverlauf lässt sich bloß erahnen. Fußball wie noch nie heißt der Film. Sein Problem: Er dauert eine Stunde und 40 Minuten. Das ist selbst für hartgesottene George-Best-Fans zu lang.

Dass seit den Achtzigern der Kurzfilm das Format ist, an dem sich experimentelles Filmschaffen überwiegend austobt, ist kulturhistorisch deshalb gar nicht so beklagenswert. Filme ohne Plot, Filme aus extremen Perspektiven: In der kurzen Form – unter 30 Minuten – sind sie einfach knackiger und zugänglicher.

In den Kinos gibt es sie kaum noch zu sehen, weil Mitte der Siebziger die Steuervergünstigung für das Vorführen von Prädikatsfilmen wegfiel – und inzwischen ist bei rund 30 Minuten Werbung vor dem Hauptfilm ohnehin kein Platz mehr für nicht kommerzielle Programmeinsprengsel. Die Rettung lag in der Festivalisierung. In den Achtzigern baute der Fotograf und Filmemacher Markus Schaefer das Hamburger Kurzfilmfestival zunächst ohne Senatsförderung auf. No Budget hieß es seinerzeit, was schon damals nicht ganz stimmte: Immerhin 30 Mark kostete der günstigste Film, den das Festival 1987 zeigte. Er war aber auch nur 17 Sekunden lang. Mitte der Neunziger verschlang ein Siegerfilm schon mal ein paar Hunderttausend – aus dem Festival für budgetlose Filme wurde das Hamburger Kurzfilmfestival.

Geblieben aus den alten Tagen ist die Wettbewerbskategorie No Budget genauso wie der Flotte Dreier, ein echtes Hamburger Festivalunikum: Maximal drei Minuten lang dürfen die Filme in diesem Wettbewerb sein.

"Nach einer wahren Begebenheit" lautet das diesjährige Thema dieser Kategorie, und der britische Filmemacher Simon Ellis hat die Aufgabe mit Bravour gelöst: Sein Beitrag ist spontan per Smartphone entstanden – aus Frust über eine britische Junggesellenparty, die ihm seinen Billigflug nach Hamburg versaute.

Auch in diesem exzellenten kleinen Film zeigt sich, warum die kurze Form unverzichtbar ist: Kurzfilme dürfen alles. Sie dürfen deprimierend sein wie Mijael Bustos’ 22-minütige Familiendoku Un Cuento de Amor, Locura y Muerte. Sie dürfen Außerirdischen O-Töne von Pubertierenden unterjubeln wie in Laura Lehmus’ sehr lustigem Animationsfilm Alienation. Es gibt wenig, was in der kurzen Form nicht erzählbar wäre.

Diese Erfahrung, kollektiv im Kinosaal gemacht, führt zu einer aufgekratzten Stimmung. Deshalb wird im Festivalzentrum, das seit ein paar Jahren im Kolbenhof in Bahrenfeld residiert, jeden Abend von 22 Uhr an ein sicher gutbesuchter Clubabend stattfinden.

31. Internationales Kurzfilmfestival Hamburg: 9.–15. Juli 2015 – Programm und Spielorte: http://festival.shortfilm.com – Festivalzentrum im Kolbenhof, Friedensallee 128, Hamburg-Bahrenfeld.