Was ist los im Bucerius Kunst Forum? Tropft da etwa Wasser von den Wänden? Kuratoren haben das ehemalige Bankgebäude am Rathausmarkt geflutet, und jetzt muss man sich als Besucher in Acht nehmen, dass man nicht von Regenschauern getroffen oder von Wellen mitgerissen wird.

Die Phototriennale zeigt sich auch 2015 als immense Leistungsschau, mit Dutzenden Ausstellungen und Veranstaltungen. Eine der schönsten ist dem Wasser gewidmet. Man muss hingehen, nicht nur weil Hamburg eine innige Beziehung zum Nass unterhält. Sondern auch, weil sich hier begreifen lässt, was die Fotografie einmal war, bevor Facebook und Instagram die Wirklichkeit unter ihrem Bilderberg begruben. Das Foto ist in der von Michael Philipp, Ulrich Pohlmann und Ortrud Westheider exzellent konzipierten Schau noch Medium der Überraschung, der künstlerischen Verfeinerung des Blicks. Und um die Finessen des Genres noch deutlicher herauszustellen, wird es kontrastiert mit der Malerei.

So kann man staunen, was die Welle für eine Welle gemacht hat, in beiden Disziplinen. Da ist Gustave Le Grays Große Woge von 1856, die erste fotografische Darstellung der Meeresbewegung und lange Zeit das teuerste Foto der Welt (über 800.000 Euro soll es das Folkwang Museum gekostet haben). Und daneben Gustave Courbets Segelschiffe, gemalt um 1870. Es wirkt, mit seinem schwarzschäumenden Wasser, wie ein Kommentar zur fotografischen Dokumentation. Courbet kannte Le Grays Foto und verdichtete es malend zum Schicksalstableau: der tobende Ozean als Ort, wo sich unsere Geschicke entscheiden.

Das ist überhaupt die Idee dieser Schau: dass im visuellen Abschildern der Natur die tollsten Motive stecken.

Schaut man zum Beispiel auf das Meer bei Antibes von Monet, dann erkennt man, dass Sand und Welle – mit der entsprechenden impressionistischen Großzügigkeit wahrgenommen – einfach nur Abstufungen verschiedener Aggregatzustände sind. Land wird zu Wasser und umgekehrt; die Welt ist in einem poetisch-elementaren Austausch mit sich selbst.

Es gibt die Riesenwellen, die sich über den Horizont bäumen. Franz Schensky hat so eine fotografiert, die Große Woge, das Porträt eines Seeungetüms, fauchend sperrt es seinen schäumenden Rachen auf, um den Himmel zu verschlingen. Oder Thierry De Cordiers Ölbild Hochsee: die Welle als Leviathan, der die Welt zertrümmert.

Man kann es ruhiger haben, reflektierter. Gerhard Richters Seestück von 1969 konnten die Kuratoren dem Neuen Museum in Nürnberg abschwatzen ("Hat uns viel Mühe gekostet", sagte Pohlmann bei der Vorabführung stolz). Das steingraue Meer, dahinstrebende Wolken – sicher ein spekulatives Werk, das sich das Verhältnis von Malerei und Fotografie buchstäblich ausmalt. Aber auch ein Glanzstück der Suggestion. Steht man lang genug davor, wird man hineingesogen in den Meerwolkenraum, als sei die Grenze zwischen Kunst und tatsächlicher Welt durchlässig geworden.

So viele Entdeckungen sind zu machen: die Wasserfall-Fotos von Thomas Cooper, auf denen sich Gischt in seidig schimmerndes Fell verwandelt. Das kleine Graue Meerbild von Alex Katz. Nur zwei Farben braucht der amerikanische Maler für die Darstellung einer stürmischen See, Hellblau und Weiß. Die Wellen sind wie beiläufig hingestrichelt, aber es ist alles da: das Drängen der Strömung und des Windes, die Wölbung des Horizonts.

Und weil die Kuratoren Humor haben, fehlt auch die Dame mit blondem Haar von André Gelpke nicht. Da schwimmt sie, den Blick in unbestimmte Weiten gerichtet. Das Foto stammt aus der Serie Fluchtgedanken. Wie schön, dass die Dame dem Betrachter nicht entkommen kann.

Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson. Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2. Vom 13. 6. bis 20. 9. Täglich von 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr

Das komplette Programm der Triennale finden Sie unter: http://www.phototriennale.de/exhibitions