"Eine Homo-Ehe ist im Islam undenkbar", schrieb Muhammad Sameer Murtaza in seinem Gastbeitrag vergangene Woche an dieser Stelle. Wieso eigentlich? Irland, ein zutiefst katholisches Land, das sich mit überwältigender Mehrheit für die Öffnung der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare ausspricht – das war vor nicht allzu langer Zeit auch noch undenkbar. Heute ist es Realität und der gesellschaftliche Wandel fast schon unaufgeregte Normalität.

Natürlich ist Homosexualität keine Krankheit, natürlich kann ich als Schwuler ein guter Christ, Muslim oder Jude sein. Es ist schön, dass Murtaza das so schreibt, aber es ist eigentlich auch eine Banalität. Viel wichtiger ist doch, dass die muslimischen Gemeinden ihren Gläubigen vermitteln, dass Anders-Sein Teil von Gottes Schöpfung ist und man natürlich gemeinsam essen, feiern und beten kann und soll. Sicher, auch die christlichen Kirchen haben hier einen langen Weg zurückgelegt, und auch heute noch gibt es große innerkirchliche Vorbehalte gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder von Schwulen und Lesben. Die muslimischen Gemeinden in Deutschland müssen sozusagen den Turbo einlegen und nachholen, wofür andere Jahrzehnte gebraucht haben. Das ist sicher nicht einfach, birgt aber auch große Chancen.

Die evangelische Kirche will gleichgeschlechtliche Paare in Gottesdiensten trauen. Das zeigt deutlich, dass auch Kirche sich wandelt und zu einer neuen Interpretation ihrer Lehre kommen kann. Auch wenn diese Veränderungen langsam vor sich gehen – was ich übrigens auch für richtig halte –, so sollte man nicht vorschnell Denkverbote aufstellen. Auch nicht bei der Frage, ob zwei Männer oder zwei Frauen heiraten dürfen.

Es wäre vermessen, den muslimischen Vertretern Ratschläge geben zu wollen, wie sie ihren Glauben zu interpretieren haben. Was ich aber wage und was aus meiner Sicht auch notwendig ist, ist, ganz weltliche Erwartungen an die Rolle von Religionen in einer aufgeklärten Gesellschaft zu formulieren. In einer offenen, pluralen Gesellschaft kann und darf jeder seine Religion leben und pflegen. Gleichzeitig darf sich aber auch keine Religion und keine Lehre dem kritischen Diskurs entziehen. Integration und Dialog gelingen nur dann, wenn wir offen miteinander reden.

Blöde Schwulen-Sprüche in Berlin-Schöneberg oder wie ich sie jüngst wieder in Mannheim erlebt habe, entstehen oft aus einem islamisch geprägten religiös-kulturellen Mix, der nicht selten einhergeht mit einem eher mittelalterlichen Frauenbild. Daraus speisen sich auch antisemitische Ausfälle und Beleidigungen, wie wir sie im vergangenen Jahr wieder auf deutschen Straßen hören mussten und von denen jüdische Lehrer und Schüler eindrucksvoll zu berichten wissen. All das ist eine gefährliche Mischung, die klarere Ansagen als bisher braucht. Und all das passt genauso wenig zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung wie religiöser Fanatismus.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass denjenigen, die solche Botschaften predigen, der Boden entzogen wird. Zu einem Islam, der in Deutschland angekommen ist, gehören insbesondere Imame, die hier leben, in Deutschland ausgebildet wurden und auch auf Deutsch predigen können. Ein Imam, der weder die Sprache richtig kann noch unser Land und unsere Kultur wirklich kennt, vermittelt eine Scheinwelt und ist weit weg vom Alltag seiner Gläubigen.

Übrigens, damit das klar ist: Mit christlichen Kreationisten, die sich den Erkenntnissen der Naturwissenschaft verweigern, oder ultraorthodoxen Juden, die Frauen aus Prinzip nicht die Hand geben, kann ich genauso wenig anfangen. Immer dann, wenn die Religion sich ins Extreme wendet und über die Vernunft stellt, wird es gefährlich. Aber nach meinem Eindruck liegt die Aufgabe für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt vor allem beim Verhältnis zum Islam und seinen Ausprägungen.

Ein Islam mitteleuropäischer Prägung sollte gesellschaftliche Realitäten anerkennen und zu einem weltoffenen Glauben motivieren. Dazu gehört – wie Muhammad Murtaza richtig schreibt – auch die Feststellung, "dass Gott einen verantwortungsbewussten Umgang des Menschen mit seiner Sexualität wünscht, in einer Paarbeziehung, in Treue und Dauerhaftigkeit". Dieser Aussage können sich ohne Zweifel viele Christen, Juden und nicht religiöse Menschen anschließen. Um Verbindlichkeit und Dauerhaftigkeit geht es schließlich auch bei der zivilen Ehe.

Wenn nun eine eher linke, homosexuelle Szene die Ehe ebenfalls für sich reklamiert, stärkt dies feste Beziehungen, die die Grundlage unserer Gesellschaft bilden. Keine Ehe zwischen Mann und Frau wird weniger geschlossen, nicht ein Kind weniger geboren, nur weil zwei Männer oder zwei Frauen öffentlich "Ja" zueinander sagen. Und zwar nicht als eingetragene Lebenspartnerschaft, sondern als Eheleute, mit all der symbolischen Bedeutung, die diese Bezeichnung hat. Damit hat die bürgerliche – und auch religiöse – Vorstellung vom Zusammenleben der Menschen gegen die linke Verfemung der Ehe eindeutig gewonnen. Darauf sollten wir, ob Muslime, Christen oder Juden, stolz sein und uns freuen.

Übrigens: Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der Bertelsmann-Stiftung befürworten 60 Prozent der hier lebenden Muslime die Homo-Ehe. Abseits aller theologischen Fragen sind die Unterschiede in den Einstellungen von Muslimen und Christen in Deutschland also gar nicht so groß. Und das ist auch gut so.