Als wäre sie noch im Amt! Eloquent analysiert Anson Chan die politische Lage in Hongkong. Als Chief Secretary, als höchste Verwaltungsbeamtin, hat sie Ende der neunziger Jahre den Übergang von der britischen Kronkolonie zur chinesischen Sonderverwaltungszone organisiert. Sie diente dem letzten von London entsandten Gouverneur und dem ersten von Peking ernannten Chief Executive. Dass der Übergang reibungslos verlief, war auch ihr Verdienst. 2001 trat sie ab. Bis heute mischt sie mit.

Der Victoria Park in Hongkongs Stadtteil Causeway Bay, an dem ihr Büro liegt, dampft im tropischen Nachmittagsregen. 75 Jahre alt ist Anson Chan. Kürzlich hat sie ihren eigenen Thinktank gegründet, Hong Kong 2020. Sie will in der Stadt eine Verfassungsdebatte führen, und sie hofft, einen politischen Konsens zu finden, welches Wahlrecht für die Stadt das beste wäre.

Doch derzeit geht ein Riss durch Hongkong, durch Freundeskreise und Familien und durch das Parlament, den Legislative Council (Legco), der in der kommenden Woche über die Reform des Wahlrechts abstimmen wird. Im August vorigen Jahres hat der Ständige Ausschuss von Pekings Nationalem Volkskongress den Rahmen für die Wahlrechtsreform gesetzt. Künftig sollen alle Bürger Hongkongs über den höchsten politischen Repräsentanten der Stadt, den Chief Executive, abstimmen; zugleich aber garantiert das Verfahren, dass nur Freunde Pekings eine Chance haben, gewählt zu werden. Der Name eines Oppositionskandidaten wird bei der nächsten Wahl 2017 nicht auf dem Stimmzettel stehen.

Eine Scheinwahl also. Zu Zehntausenden gingen Hongkongs Studenten im vorigen Herbst dagegen auf die Straße. Unter der Parole "Occupy Central with Love and Peace!" blockierten sie 79 Tage lang die wichtigsten Straßen des Stadtzentrums. Die Regenschirme, mit denen sie sich gegen das Tränengas der Polizei schützten, wurden zum Symbol ihrer "umbrella revolution".

Irgendwann hatte sich der Protest erschöpft, die Studenten kehrten wieder zurück in die Seminarräume. Die Auseinandersetzung verlagerte sich von der Straße ins Parlament. Und dort kommt es nun zum Schwur.

Anson Chan plädiert dafür, die Wahlrechtsreform abzulehnen. "Was nützt das Prinzip one man, one vote, wenn die zwei oder drei Kandidaten, die zur Wahl stehen, von Peking nominiert werden? Nach dem Motto: Wir stellen euch drei Marionetten zur Auswahl und sagen, nun übt euer Wahlrecht aus. Was soll das?"

Da ist es ihr lieber, alles bleibt erst einmal beim Alten, und ein Wahlausschuss entscheidet wie bisher über den nächsten Chief Executive, anstatt den Bürgern von Hongkong vorzugaukeln, sie hätten jetzt das allgemeine Wahlrecht.

Auch die 63 Jahre alte frühere Journalistin Emily Lau kämpft seit mehr als drei Jahrzehnten für mehr Demokratie in Hongkong. Erst stritt sie gegen die Briten, dann gegen Peking, immer mit einem Elan, der Widerspruch nicht duldet. Heute ist sie Vorsitzende der Demokratischen Partei, der größten gemäßigten Oppositionspartei.

Besucht man sie im 9. Stock des Parlamentsgebäudes, wo die Demokraten ihre Büros haben, geht man an lauter Türen vorbei, an denen noch die Solidaritätsplakate der "umbrella revolution" kleben. Mit leuchtenden Augen erzählt Emily Lau von den 79 Tagen der Besetzung des Zentrums. "Die Studenten haben in unseren Büros geschlafen und hier geduscht." Die Studenten achteten trotzdem genau darauf, sich von der Politik nicht vereinnahmen zu lassen. Emily Lau sagt: "Wir haben uns bewusst im Hintergrund gehalten."

Noch immer sind rund um das Parlamentsgebäude Zelte aufgeschlagen. Ein paar unermüdliche Demonstranten hausen hier im strömenden Hongkonger Regen. Doch von den Protestierenden ist nichts zu sehen und zu hören.

Am 17. Juni beginnt die Debatte über die Wahlrechtsreform. Jeder der siebzig Abgeordneten hat 15 Minuten Redezeit. Sämtliche 27 Oppositionsabgeordneten, da ist sich Emily Lau sicher, werden mit Nein stimmen. Und weil die Regierung eine Zwei-Drittel-Mehrheit braucht, wird sie mit ihrer Wahlrechtsreform scheitern. Das erwarten auch die meisten Regierungsanhänger. Oder gibt es doch noch einen Kompromiss?

"Alles hängt von Peking ab", meint Emily Lau. "Wenn Peking will, dass die Reform durchkommt, muss es das Gesetz so ergänzen, dass wir es akzeptabel finden. Dann würden wir es natürlich unterstützen. Wir können in seiner jetzigen Form nicht dafür stimmen, weil es uns kein wirklich allgemeines Wahlrecht gibt."

Zwischen der Opposition in Hongkong und der Zentralregierung in Peking herrscht aber Funkstille. Emily Lau durfte China seit mehr als zwanzig Jahren nicht besuchen. Mindestens sechs weiteren Mitgliedern des Legislative Council ist die Einreise ebenfalls nicht gestattet. "Sie sprechen nicht mit uns", sagt Emily Lau. Peking fürchte, sollte jemals ein Kandidat des Pro-Demokratie-Lagers zum obersten Repräsentanten Hongkongs gewählt werden, würde dies die nationale Sicherheit gefährden. "Was reden die für einen Blödsinn! Wirklich lächerlich."

Der kompromisslose Kurs der Opposition stößt bei manchen auf Unverständnis. "Die Demokraten machen einen großen Fehler", sagt ein amerikanischer Korrespondent. "Etwas Besseres werden sie nicht bekommen. Die größte politische Partei der Welt hat entschieden, wie die Wahlen ablaufen sollen. Sie wird nicht nachgeben."

Holden Chow, der 35 Jahre alte Vizevorsitzende der Peking-treuen Democratic Alliance for the Betterment and Progress of Hong Kong (DAB), sagt: "Die Entscheidung ist gefallen, ob es uns passt oder nicht." Ein Veto gegen die Wahlrechtsreform führe zu nichts. "Dann bleibt es beim Status quo." Es sei daher am besten, das Reformpaket "jetzt einzusacken". Chinas Regierung sorge sich um die "nationale Sicherheit". In diesen Befürchtungen dürfe sie nicht bestärkt werden.

Tatsächlich ist in Peking die Angst groß, von Hongkong aus könne der demokratische Gedanke auf das Festland überspringen. Befürchtungen, die Regina Ip nachvollziehen kann. Sie überreicht dem Besucher zur Begrüßung gleich drei Visitenkarten: Mitglied im Hongkonger Exekutivrat, Vorsitzende der New People’s Party und Kuratoriumsvorsitzende des Savantas Policy Institute. Regina Ip blickt auf eine lange politische Karriere zurück. 1975 begann sie ihre Laufbahn in der britischen Kolonialverwaltung, wurde Leiterin der Einwanderungsbehörde und schließlich Secretary of Security, also Innenministerin. Gut möglich, dass sie 2017 als Kandidatin bei der Wahl zum Chief Executive antritt. In Hongkong wird viel darüber spekuliert, sie selbst will sich dazu nicht äußern. Umso entschiedener plädiert sie für eine Verabschiedung der Wahlrechtsreform. China wolle nicht, "dass wir ein Unruheherd werden, ein Stützpunkt der Subversion".