Wenn in diesen Tagen das Humboldt-Forum Richtfest feiert, ist zumindest baulich ein wichtiger Schritt für eine Agora des 21. Jahrhunderts im Herzen Berlins getan. Hierzu gratuliert auch die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Denn wir sind überzeugt, der inhaltliche Anspruch an das Humboldt-Forum hat viel zu tun mit dem, was Willy Brandt einst als Aufforderung an die kulturelle Zusammenarbeit benannt hat: die "Arbeit an der Weltvernunft".

Darum geht es heute mit neuer Dringlichkeit: 25 Jahre nach Überwindung der Spaltung Deutschlands und Europas ist die Illusion vom "Ende der Geschichte", von einer linearen Fortentwicklung hin zu liberalen Demokratien nicht mehr haltbar. Mit dem Ukrainekonflikt ist Krieg nach Europa zurückgekommen. Im Irak und in Syrien morden die Terrorbanden des IS und löschen jahrtausendealtes kulturelles Erbe der Menschheit aus. In Libyen sind die staatlichen Strukturen erodiert, in Nigeria wütet Boko Haram. Der Krisenmodus scheint auf unabsehbare Zeit der neue Normalfall. Die Welt ist aus den Fugen geraten – auch im übertragenen Sinne, denn sie ist nicht mehr so "verfugt", wie unsere Denkmuster das gewohnt waren. Darauf müssen wir reagieren, und zwar nicht nur mit den Mitteln der klassischen Außenpolitik. Sondern auch und vor allem durch unsere kulturelle Arbeit. Denn kulturelle Arbeit bereitet im vorpolitischen Raum erst den Boden, auf dem politische Verständigung und damit Krisenprävention und Krisenbewältigung möglich sind.

Dieses Potenzial müssen wir noch stärker nutzen als bisher. Im Zuge der von uns unternommenen Review unserer Außenpolitik in einer krisenbefangenen Welt habe ich Ende Februar die Schwerpunkte Krise, Ordnung und Europa als strategische Handlungsfelder definiert.

Für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik bedeutet dies erstens, dass wir auf aktuelle Krisensituationen reagieren und intervenieren. Wenn Kultur konstitutiver Bestandteil einer Gesellschaft ist, dann muss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ihren Beitrag gerade in Situationen leisten, in denen Gesellschaften in ihrer Identität und in ihrem Zusammenleben bedroht sind. Der Bundestag – und hierfür bin ich sehr dankbar – unterstützt diese Neuausrichtung durch zusätzliche Mittel. Zwei Beispiele: In der Ukraine und den anderen Ländern der östlichen Partnerschaft, aber auch des Baltikums, stärken wir die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, leisten Hilfe beim Aufbau unabhängiger Medien, ermöglichen gemeinsames kulturelles und wissenschaftliches Arbeiten über politische Grenzen hinweg. Mit der Alexander von Humboldt-Stiftung und anderen Partnern wollen wir ein "Scholars at Risk"-Programm für Wissenschaftler im Exil auflegen.

Kulturgüterschutz und Kulturerhalt bilden einen weiteren Schwerpunkt unserer Arbeit. Kulturstätten geben Halt und Orientierung und sind konstitutiver Bestandteil gesellschaftlicher Identität. Deshalb haben wir unter anderem dem Deutschen Archäologischen Institut, das gemeinsam mit dem Museum für Islamische Kunst syrische Kulturgüter durch digitale Registrierung vor dem Vergessen bewahrt und so die Grundlage für einen späteren Wiederaufbau schaffen hilft, mehr Mittel zur Verfügung gestellt. Zugleich leisten wir durch die Abrufbarkeit der Bilder im Netz einen Beitrag zum Austrocknen des illegalen Kunsthandels. In Zusammenarbeit mit Partnern wie der Gerda Henkel Stiftung haben wir im Rahmen unseres Programms für Kulturerhalt geholfen, in Mali antike Handschriften dem Zugriff der Terroristen zu entziehen. Diese Handschriften stehen exakt für das, was die Terroristen zerstören wollen: eine offene, humane und vielfältige Gesellschaft.

Wir benötigen außerdem eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit neuen Ordnungs- oder eben auch Unordnungsmodellen. Das ist eine konzeptionelle Aufgabe, die sich mit dem Stichwort "kulturelle Intelligenz" verbindet. Wir müssen mehr verstehen von dem, was sich an Träumen und Traumata in Gesellschaften niederschlägt. Deshalb arbeiten wir mit Partnern wie dem Wissenschaftskolleg, der Stiftung Wissenschaft und Politik oder der Alexander von Humboldt-Stiftung daran, wie wir genau dieses kritische Potenzial für uns besser nutzbar machen können.

Aus dem Zusammenhang von Krise und Ordnung erwächst auch eine europäische Dimension. Es geht darum, den Umgang mit dem und eine zugewandte Haltung zum Politischen, zum Gemeinwohl europäisch einzuüben, wie dies Carolin Emcke kürzlich formuliert hat. Das gilt insbesondere mit Blick auf unsere europäische Errungenschaft einer offenen, den sozialen Ausgleich suchenden Gesellschaft und wird nur gelingen, wenn wir uns der Kritik stellen und selbstbewusst eigene Haltungen formulieren.

Krise – Ordnung – Europa. Um dieser Verantwortungstrias gerecht zu werden, braucht es Freiräume für kulturellen Austausch, aber auch Orte bei uns, an denen wir unser Verhältnis zur Welt, zu anderen Kulturen, Religionen und Traditionen zum Gegenstand dauerhafter Diskussion machen. Das Humboldt-Forum hat das Potenzial dazu, und unsere Gesprächspartner im Ausland haben genau diese Erwartung an uns.

Kulturarbeit in Krisenzeiten und Krisenregionen erfordert einen langen Atem – auch und gerade weil wir wissen, dass es keinen Transmissionsriemen "Kultur" gibt, der unsere Bemühungen umgehend in Frieden umsetzt. Insofern ist Auswärtige Kulturpolitik eben Teil der Außenpolitik als ein illusionsloses, gleichwohl unermüdliches Bemühen um Frieden und Stabilität. Umso mehr sind wir darauf angewiesen, das Potenzial von Kultur, Wissenschaft und Bildung noch stärker zu heben. Denn Kultur kommt im gesellschaftlichen Raum eben nicht nur eine "Kompensationsfunktion" zu, wie das der kürzlich verstorbene Odo Marquard beschrieben hat, sondern vor allem eine Perspektivfunktion. Kultur zeigt, was möglich sein könnte, ist Raum für eingeübte und gelebte Humanität. Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik vertraut auf diese soziale Kraft von Kultur und will sie stärken. Deshalb ist sie für Frieden und Sicherheit unverzichtbar.