Wer wissen will, wie Menschen entscheiden, der führe sie in Versuchung. So wie der Psychologe Walter Mischel, der in einem Experiment Kindern Marshmallows anbot: Sie konnten einen der Schaumzuckerwürfel sofort vertilgen – wenn sie aber abwarteten, bekamen sie einen zweiten. Die meisten schlugen lieber sofort zu. In einer ähnlichen Situation sind Menschen, die in die private Krankenversicherung wechseln können, weil sie nicht mehr in der gesetzlichen pflichtversichert sind – Selbstständige und Beamte etwa oder Angestellte, die brutto mehr als 54.900 Euro pro Jahr verdienen.

Die privaten Krankenversicherer, kurz PKV, locken besonders junge und gesunde Gutverdiener mit einem attraktiven Angebot: Wer von der gesetzlichen in die private Kasse wechselt, spart jeden Monat ein paar Hundert Euro und bekommt bessere Leistungen und die Chefarztbehandlung obendrein. Doch es gibt auch einen Grund, dieser süßen Versuchung zu widerstehen: Bei der PKV ist klar, was die Zukunft bringt – steigende Beiträge.

Das liegt daran, dass die privaten Kassen die Beiträge anders als die gesetzlichen nicht nach dem Gehalt, sondern nach Alter und Gesundheitszustand zum Zeitpunkt des Abschlusses berechnen. Für junge Einsteiger sind sie meist niedrig. Das Geschlecht spielt seit 2013 keine Rolle mehr, es gibt nur noch Unisextarife . In Zahlen heißt das: Ein 30-jähriger Angestellter mit 4.050 Euro Monatsbrutto kann sich bei Privatkassen ab rund 160 Euro Beitrag versichern. Bei jeder gesetzlichen Krankenkasse bezahlt er dagegen den Höchstsatz von 385 Euro, mehr als das Doppelte. Für Selbstständige fällt die Ersparnis noch größer aus, weil sie in der Gesetzlichen auch den Arbeitgeberanteil tragen müssen. Sie sparen rund 400 Euro in der Privatkasse, jeden Monat. Auch darum haben insgesamt neun Millionen Bundesbürger Angebote der Privaten angenommen.

Allerdings würde etwa jeder Vierte gerne wieder in die gesetzliche Kasse wechseln, weil die Beiträge von Jahr zu Jahr steigen. Der Grund: Je älter die Versicherten werden, desto kranker werden sie auch. Das bedeutet für die Versicherer höhere Ausgaben, und die legen sie auf ihre Kunden um. Zwar bilden sie dafür Altersrückstellungen, die verzinst werden und den Beitragsanstieg begrenzen sollen. Doch sie reichen längst nicht mehr aus – auch wegen der Minizinsen an den Kapitalmärkten. Bis zum Alter von 50 Jahren steigen die Beiträge von Privatversicherten eher moderat, danach rasant. Das ist tückisch, weil man ab 55 Jahren in aller Regel nicht mehr zurück in die Gesetzliche wechseln darf. Auch Wechsel von einem Tarif in den anderen lohnen umso weniger, je älter man ist, weil man die Kapitalrückstellungen teilweise einbüßt.

Wie hoch die Prämien im Alter durchschnittlich sind, das veröffentlichen die Kassen nicht. Doch Finanzexperten nennen als Faustregel: Wer mit Mitte 30 in die Privatkasse einsteigt, wird bei Rentenbeginn mindestens das Dreifache zahlen. Zudem müssen Rentner den Arbeitgeberanteil tragen, allerdings gibt es dafür einen Zuschuss von der Rentenkasse. 1.400 Euro monatlicher Gesamtbeitrag mit 67 sind unter dem Strich eher die Regel als die Ausnahme. Wer also in jungen Jahren zu den Privaten wechselt, weil sie mit niedrigen Kosten locken, dem drohen im Alter umgekehrte Verhältnisse.

Um Gutverdienern die Angst davor zu nehmen, haben die Privaten ein besonderes Angebot: sogenannte Beitragsentlastungstarife, bei denen man jahrelang 10 bis 100 Euro mehr einzahlt, um im Alter zu sparen. Das lohnt sich aber in den meisten Fällen nur, wenn man älter wird als der Durchschnitt. Wer also mit einer durchschnittlichen staatlichen Rente rechnet, sollte erwägen, bei der Gesetzlichen zu bleiben. Die Private lohnt sich vor allem für Gutverdiener, die sicher sind, dass sie auch im Alter höhere Beiträge schultern können. Außerdem ist sie attraktiv für alle, die ohne Kinder planen, denn die kosten in der Privatkasse extra. Und sie ist quasi ohne Alternative für Beamte, weil der Staat den Großteil der Beiträge übernimmt. Zudem sollten Privatversicherte zwingend eines tun: das, was sie gegenüber der gesetzlichen Kasse sparen, anlegen, um im Alter ihre Beiträge bezahlen zu können. 300 bis 400 Euro monatlich etwa. Also in gar keinem Fall das Marshmallow jetzt verspeisen – so verlockend es auch aussehen mag.