Ihre Beine ragen sechs Meter in die Höhe, ein gelber Badeanzug betont ihre Kurven mehr, als sie zu verbergen, darüber klemmt neckisch ein rosa Schwimmreifen: Gigi, die zehn Meter hohe Giraffenskulptur von Jean-François Fourtou auf dem obersten Deck des Kreuzfahrtschiffs Anthem of the Seas, hat das Zeug zur Celebrity. Sie muss es haben. Schließlich steht sie seit der Jungfernfahrt der Anthem im April dieses Jahres in einem schwimmenden Vergnügungspark. Nur wenige Schritte von ihr entfernt pustet ein Fallschirmsprung-Simulator die Passagiere in Richtung Himmel. Auf einer künstlichen Welle kann man Surfen üben. Eine Art Kran schwenkt Schaulustige in einer gläsernen Aussichtskugel übers Deck. Wer hier Aufmerksamkeit erregen will, muss selbst ein Kuriosum sein. Doch ist Fourtous Gigi auch Kunst?

Die Frage stellt sich durchaus. Glaubt man nämlich den großen Kreuzfahrtreedereien, dann ist die internationale Kunstszene seit einigen Jahren um ein paar Dutzend Ausstellungsorte reicher: 120 Millionen Dollar sollen allein die Gemälde, Skulpturen und Installationen an Bord der 23 Schiffe von Royal Caribbean International wert sein – laut Eigenreklame "eine der größten privaten Kunstsammlungen der Welt". Die Schiffe der Holland America Line, einer Tochter der Carnival Corporation, werben mit einer verwegenen Mischung aus Andy Warhol und 5.000 Jahre alten vorkolumbianischen Kalksteinfiguren. Und Hapag-Lloyd bezeichnet sein Luxusschiff MS Europa 2 wegen der knapp 900 Originale zeitgenössischer Künstler an Bord gar als "schwimmende Kunstlocation".

Ist das nur PR-Geklingel – oder kann man zwischen Sonnendeck und Bordrestaurant tatsächlich Werke entdecken, die mehr sind als bloße Dekoration? Und wie soll ein Warhol neben der Poolbar eine Kreuzfahrt eigentlich bereichern?

Um das herauszufinden, begibt man sich am besten erst mal nach Oslo. In einer schick renovierten ehemaligen Fabrikhalle unweit des Hafens sitzt dort die Frau, die einen guten Teil der Hochsee-Galerien bestückt hat. Helene Haaland Mustad, Ende 50, groß, schlank, weißer Pagenschnitt, schwarz gerahmte Brille, ist Großkundenbetreuerin bei International Corporate Art, kurz ICArt, der größten Kunstberatungsfirma für Kreuzfahrtreedereien. Für mehr als 180 Passagierschiffe haben sie und ihre Kollegen schon – meist zeitgenössische – Bilder und Skulpturen ausgesucht. Gerade hat man im finnischen Turku die letzten Werke auf der Mein Schiff 4 in Position gerückt, dem jüngsten Mitglied der TUI-Cruises-Flotte, das sich derzeit auf seiner Jungfernfahrt im Baltikum befindet. Parallel arbeiten die ICArt-Büros in Oslo, London und Miami an Konzepten für fünf weitere Kunden.

Zum Beweis der Vielfalt wuchtet Helene Haaland Mustad einen Stapel Bordkunstkataloge auf den Tisch und lässt einen durch die maritime Galerieszene blättern. Erste Station: die Kuriositätenkabinette der Megaschiffe. Bonbonbunte Riesenskulpturen wie die Giraffe Gigi von der Anthem of the Seas wecken Erinnerungen an Disneyland. Schwärme aus schimmernden Emaille-Schmetterlingen und Trauben blinkender Glühbirnen verwandeln das Schiffsinnere in Märchenlandschaften. Nach einer künstlerischen Botschaft sucht man hier vergebens. Doch darum gehe es auch nicht, sagt Haaland Mustad: "Die Leute sollen einfach davorstehen und staunen. Die Reedereien nennen das Wow-Kunst." Sie lächelt. "Die amerikanischen Urlauber sind verrückt danach."

Doch sie sind offenbar nicht darauf festgelegt. In den Gängen und Sälen der Fünf-Sterne-Schiffe von Celebrity Cruises hängen auch Werke von Andy Warhol, Joseph Beuys und Roy Lichtenstein. 60 Millionen Euro hat die amerikanische Reederei in die Kunstsammlung der Luxusliner investiert. Die Kataloge dazu sind daumendick.

Daneben gibt es noch das breite Mittelfeld: Kreuzfahrtschiffe, deren Werkverzeichnis weniger Wow und Prominenz vorweisen kann als das der Mega- und Luxus-Pötte. Deren Kunst es aber im Idealfall schafft, Sinne und Verstand gleichermaßen anzusprechen. Solche Sammlungen könne man vor allem auf den skandinavischen und deutschen Schiffen finden, erklärt die Kunstberaterin. Dort halte sich das Innendesign im Vergleich zur US-Konkurrenz nämlich zurück: weniger Farben, weniger Muster. Der Blick auf Meer und Himmel sei den Urlaubern wichtiger.