Der Berliner Künstler Norbert Bisky ist, was man eine sichere Bank nennen könnte: erfolgreich, anerkannt, seriös. Kürzlich suchte ihn ein Galerist im Atelier auf. Nachdem er sich ein wenig umgeschaut hatte, sagte er – und wahrscheinlich wippte er dabei kurz auf den Schuhspitzen: "Das Bild da, das ist toll. Davon brauche ich 30 Stück."

Norbert Bisky lieferte keine 30 Klone des gefragten Bildes. Er lieferte überhaupt nicht. Er war irritiert. Kreativität ist keine Fließbandware. Und ebenso wenig ist Kunst eine Angelegenheit, die sich ohne Weiteres selbst erklärt. Wer sich damit auseinandersetzt, weil er Geld anlegen will, braucht Unterstützung – braucht jemanden, der ihn berät.

Kunstberatung? Da erinnert man sich leider an den Fall Helge Achenbach: Der perfekt vernetzte Düsseldorfer wurde kürzlich zu sechs Jahren Haft verurteilt – hochmögende Kunden wie Berthold Albrecht (Aldi) hatte er um Millionenbeträge betrogen.

Der Fall schadet der ganzen Branche. Madeleine Schulz, Kunsthistorikerin und Gründerin der Hamburger Kunstberatung Art Vocatum, weiß, woher das rührt: "Die Wurzel allen Übels ist die Verquickung von Handel und Beratung. Das geht einfach nicht. Ein seriöser Berater sollte ausschließlich die Interessen des Auftraggebers wahrnehmen." Helge Achenbach hingegen kassierte Provision beim Galeristen und Honorar beim Klienten. "Dieses Geschäft wird leider Gottes oft intransparent betrieben, und der Betrieb ist empfänglich für Menschen, die sich selbst darstellen und vom Glamour-Effekt profitieren", ergänzt Paul Bunten, gemeinsam mit Schulz Geschäftsführer von Art Vocatum. "Von daher ist eine objektive Kunstberatung enorm sinnvoll."

Zumal der Kunstmarkt unübersichtlich wird, und dafür gibt es Gründe. Erstens: Ja, Kunst ist eine neue Asset-Klasse, Gelegenheit zur Anlage von Liquidität. Jüngste Schätzungen der Maastrichter Kunstmesse Tefaf beziffern den jährlichen Umsatz im globalen Handel auf 51 Milliarden Euro. Der überhitzte Markt nimmt, was er kriegen kann, und fragt viel zu selten nach Qualität. Er fragt stattdessen nach Preisen und nach Rankings. Galeristen führen Wartelisten für ihre Kundschaft, die dringend nach Arbeiten angesagter Künstler sucht. Welcher Maler gerade gehypt wird, erschließt sich kaum nach rationalen Kriterien. Und bei den Klassikern prahlen Auktionshäuser mit Rekordergebnissen (so wurde am 11. Mai Pablo Picassos Werk Les femmes d’Alger bei Christie’s New York für 180 Millionen Dollar verkauft).

Zweitens: Das Internet ermöglicht die schnelle Vernetzung zwischen den Zentren London und New York, aber auch zwischen alter und neuer Kundschaft, in Europa, Amerika und China – und in diesem Hin und Her können die Preise rasch steigen. Laut einer Studie des Kunstversicherers Hiscox macht der Onlinemarkt zwar erst 4,8 Prozent des gesamten Umsatzes aus, er entwickelt sich aber dynamischer, als es viele Beobachter vorausgesagt haben. Museen und Galerien präsentieren Künstler verstärkt über die sozialen Medien. Das ist nicht nur eine neue Strategie des Marketing. Dieser Zugang bietet gerade Einsteigern Möglichkeiten, Kunst online zu erwerben.

Drittens: Kunst ist zum Prestigefaktor geworden. Aber wie wird man zum Sammler – zum Sammler mit der Idee, Geld haltbar anzulegen? Man kann sich selbst schlau machen. Dann muss man Zeit investieren – lesen, lernen, das Auge schulen, Galerien und Museen besuchen, mit Künstlern reden. Fernhalten sollte man sich von Vernissagen, die in Klatschspalten auftauchen und sich oft um Geld drehen, aber selten um Stil und Leidenschaft. Bis man sich traut einzusteigen, kann es ruhig dauern.

Wer so viel Zeit und Mühe nicht übrig hat und nicht warten will, kann sich eben doch beraten lassen. Zuverlässige Kunstberater werden erst einmal versuchen, beim Aufbau einer Sammlung zu helfen: Welches Gebiet interessiert den Kunden, und in welchem finanziellem Umfang möchte er sich engagieren? Man besucht gemeinsam Galerien und Messen, der Berater (und oft ist es eine Beraterin) hilft bei der Beurteilung von Preisen, knüpft Kontakte zu Künstlern oder Experten. Er hilft nicht nur beim Kauf, sondern auch beim Verkauf, denn damit finanziert mancher Sammler die nächste Erwerbung, das bessere Objekt. Berater unterstützen ihre Kunden zudem beim sogenannten Sammlungsmanagement: Wie sind Bilder, Skulpturen, Meisterzeichnungen oder Antiken angemessen zu lagern – und wie zu versichern? Wie sieht ein guter Vertrag aus, wenn das Bild in eine Ausstellung ausgeliehen werden soll?

Dass diese Dienstleistung viel wert sein kann, hat sich in Deutschland noch nicht recht herumgesprochen. In den USA überwachen Verbände die Branche und halten am Grundsatz fest: Ein Berater kauft niemals selbst ein Kunstwerk, um es einem Kunden in Rechnung zu stellen. Wie man in Deutschland eine seriöse Kunstberatung auftut? Im Internet finden sich Angebote unter "Art Consulting", auch große Auktionshäuser empfehlen Berater. Wer in Galerien Hilfe sucht, wird womöglich unterstützt – aber so, dass es dem Galeristen nützt.

Gregor Hildebrandt - Wenn Datenträger zu Kunst werden