Helge Achenbach denkt gerne groß. Größer als der Rest des deutschen Kunstbetriebs, meistens, und manchmal sogar etwas zu groß. Seit einem Jahr sitzt Deutschlands einst umtriebigster Kunstberater in der Justizvollzugsanstalt Essen, ein Umstand, der vielleicht nicht sein Denken, aber doch seinen Aktionsradius erheblich einschränkt. Achenbach wurde im März vom Essener Landgericht wegen Betrugs an einigen Kunden zu sechs Jahren Haft verurteilt. Allein den inzwischen verstorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht soll er mit selbst gemachten "Rechnungs-Collagen" um rund 19 Millionen Euro erleichtert haben. Achenbach hat viele Taten gestanden, andere Vorwürfe bestritten, seine Verteidiger haben deswegen eine Revision des Urteils beantragt, das Verfahren läuft.

Im Gefängnis betätige sich Achenbach, so hört man von seiner Familie, als Sportwart und Essensträger. Die Achenbach-Firmen sind derweil in die Insolvenz gegangen, gut hundert Gläubiger gibt es, auf rund 50 Millionen Euro belaufen sich die Forderungen. Unterdessen sorgt Achenbach aber auch ohne aktives Zutun weiter für Rekorde im Kunstbetrieb.

Vom 17. bis 20. Juni versteigert das Auktionshaus Van Ham das Inventar der insolventen Achenbach Kunstberatung GmbH. Es wird die größte Auktion zeitgenössischer Kunst sein, die es je in Deutschland gab. Sagt zumindest Markus Eisenbeis, der Inhaber von Van Ham. An den ersten drei Tagen werden in einem regelrechten Bietmarathon 1.600 Losnummern direkt aus einem ehemaligen Achenbach-Lager in einem Düsseldorfer Gewerbegebiet versteigert, am 20. Juni folgen dann die wertvollsten Stücke im Kölner Hauptsitz von Van Ham. Das Auktionshaus beeilt sich zu betonen, dass es sich hier nicht um die Sammlung des Kunstberaters handele, sondern eben um das Inventar von dessen Firma mit Beständen aus gut zwei Jahrzehnten Tätigkeit. Dementsprechend heterogen ist die angebotene Kunst.

Bevor Achenbach sich auf die Beratung von Privatsammlern verlegte, beriet seine Firma vor allem Firmensammlungen, was auch die vielen überdurchschnittlich großformatigen Kunstwerke erklären mag, mit denen man mühelos Dutzende von Konferenzräumen und Lobbys füllen könnte. Wegen der Anzahl und der Formate sei die Vorbereitung der Auktion "eine tolle logistische Herausforderung" gewesen, sagt Eisenbeis. Van Ham musste extra Hallen anmieten, ein zusätzliches Spezialteam aus Kunsthistorikern und Logistikfachleuten sorgte sich um die Aufarbeitung der insgesamt weit über 2.000 Objekte von Elvira Bach bis Heimo Zobernig.

Manche dieser Objekte entstammen konkret nachvollziehbaren Projekten von Achenbach: Da sind etwa die 69 Affenbronzen von Jörg Immendorff: Affen lesend, laufend, umfallend, in unterschiedlichen Größen und mit Schätzpreisen zwischen 1.500 und 35.000 Euro versehen. Mit Immendorff hatte Achenbach viele Geschäfte gemacht, auch seine Restaurants hatte der Kunstberater mit den Skulpturen des Freundes ausgestattet und Monkey’s getauft. Die Restaurants machten von Beginn an Verluste, selbstverständlich waren sie groß.

An wen wollte Achenbach die pornösen Fotografien von Araki verkaufen?

Andere Objekte aus der Auktion gehören zu Achenbachs vorerst letztem Projekt, der Ausstattung des deutschen Mannschaftsquartiers bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien: 27 abstrakte Ölmalereien des 1981 in Berlin geborenen Alexander Ernst Voigt, deren grüne und braune Strukturen an Farne oder Palmenfächer erinnern (Schätzpreise zwischen 800 Euro und 5.000 Euro): eine durchaus sinnfällige, einem Subtropenhotel angemessene Ästhetik.

Bei manchen Bildern fragt man sich hingegen, welche Anstalt damit ausgestattet werden sollte. Wohin sollten etwa die drei fast lebensgroßen Fotografien von nackten, gefesselten Japanerinnen des Nobuyoshi Araki (Schätzpreise jeweils 4.000 bis 6.000 Euro)? Es sind nicht die soften Varianten von Arakis Kunst, sondern die durchaus pornösen Bilder. Und dann ist da wieder eine Kohlezeichnung von Neo Rauch, die Studie eines Mannes, halb Gartenzwerg, halb Soldat, mit altertümlicher Uniform, sonderlichem Backenbart und deutscher Michelmütze, ein Bild, das eine spießig-müffelnde Atmosphäre verbreitet (Schätzpreis 3.000 bis 5.000 Euro). Es finden sich auch mehrere Porträts des Kunstberaters im Angebot, auf dem Gemälde des Victor R. hat Achenbach eine erstaunlich lange Nase. Es wurde 2001 gemalt und ist bloß auf 200 bis 300 Euro taxiert.

Alles muss raus, das Auktionshaus hatte freie Hand bei der Gestaltung der Schätzpreise, und so scheinen viele Kunstwerke bei Preisen um einige Hundert Euro echte Schnäppchen zu sein. Van Ham hofft, dass die niedrigen Schätzpreise, die Provenienz Achenbach und die Größe des Spektakels auch solche Menschen in den Auktionssaal locken, die selten oder noch nie Kunst gekauft haben. Als Eintrittskarte zur Auktion gilt der Katalog, den man unter www.van-ham.com bestellen kann. In der Einleitung hat Markus Eisenbeis für etwaige Neubieter dankenswert anschaulich weitere Kosten aufgeführt, die beim Kauf auf dieser Versteigerung entstehen können. Auf viele Fotos und Multiples muss zusätzlich zum Aufgeld des Auktionshauses (24 Prozent des Zuschlagpreises plus 19 Prozent Mehrwertsteuer) und der Folgerechtsabgabe (1,5 Prozent), die an die Künstler geht, auch noch die Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf den Preis des Kunstwerks gezahlt werden. Die Schätzpreise vieler Lose werden dennoch weit überboten werden, das kann man jetzt schon sagen.

Und was sagt Helge Achenbach selbst zu der Auktion? Er habe sich dazu nicht geäußert, sagt seine Frau Dorothee Achenbach. Die Kommunikation in die Haftanstalt mit ihren strengen Besuchsauflagen ist sehr kompliziert und begrenzt. "Achenbach fehlt uns als Ansprechpartner", sagt Eisenbeis. Und so fehlen dem Auktionshaus zu vielen Stücken jetzt die Geschichten hinter den Objekten. Nur durch einen Zufall etwa stellte sich heraus, dass eine rote Schwimmweste vom Künstler Franz Erhard Walther stammte und ursprünglich im Besitz des Nagelkünstlers Günther Uecker war. Sie wird jetzt für 1.300 bis 1.500 Euro angeboten.

Das teuerste Werk durfte dann doch nicht in die Auktion

Auf insgesamt vier bis sechs Millionen Euro schätzt der Insolvenzverwalter Marc D’Avoine den Erlös. Einen kleinen Teil des Inventars hat er zum Auktionsriesen Sotheby’s gegeben, man erhofft sich hier für einige Werke international renommierter Künstler wie Rashid Johnson oder Peter Doig höhere Preise. Eine Bronze von Max Ernst wird am 25. Juni in London für geschätzte 60.000 bis 80.000 Pfund, zwei Säulen von Tony Cragg, ebenfalls aus Bronze, am selben Tag für 150.000 bis 200.000 versteigert werden. Für das teuerste Werk – Titel und Künstler werden nicht verraten – meldete sich dann allerdings noch vor Drucklegung der Auktionskataloge ein Anspruchsteller, das Objekt wurde zurückgezogen. Die ersten beiden Achenbach-Stücke hat Sotheby’s bereits vergangene Woche in seiner Züricher Dependance versteigern lassen, es sind Papierarbeiten des Schweizer Künstlers Gottfried Honegger (Jahrgang 1917). Die eine wurde für 3.125, die andere für 4.375 Schweizer Franken verkauft. Verglichen mit den einstigen Achenbachschen Dimensionen, sind dies doch eher kleingeistige Preise.