Hartmut Berger* arbeitet an einer technischen Universität, in seiner Freizeit fährt er Kajak und Drachenboot, man sieht ihm an, dass er viel Sport treibt, auch wenn er, wie jetzt, in einem Sprechzimmer in Ostwestfalen sitzt. Vor sich ein Blatt mit einem Diagramm, das er selbst erstellt hat. Alle Tage der letzten drei Monate sind da zu sehen, in verschiedenen Farben.

Rot: starke Ängste, Panik;

Orange: latente Ängste, Bedrücktheit;

Grün: bewältigte Ängste, Symptomfreiheit;

Schwarz: Einnahme von Valium;

Blau: Sport.

"Ich danke dem Erfinder von Valium", sagt er. "Valium schirmt alles ab. Ich fühle mich wohlig und aufgehoben." Allerdings folgen in letzter Zeit auf die schwarzen oft rote Tage. Das bedeutet: Panik trotz Valium. "Wenn die Ängste auftauchen, sind sie so bedrohlich, dass sie mir alles zerstören. Was von außen kommt, kann ich ertragen. Vor dem, was in mir ist, graut mir", sagt er.

Stilnox und Valium, Benzodiazepine und Z-Substanzen sind Suchtstoffe. Sie sprechen das körpereigene Belohnungssystem an, indem sie, genau wie Alkohol, am GABA-Rezeptor andocken. Der GABA-Rezeptor ist die Beruhigungszentrale des Gehirns. Hier werden Ängste gelöst, Muskeln entspannt und Krämpfe gebremst. Außerdem wird der Schlaf angeregt. Deswegen sind Benzos und Z-Substanzen so hilfreich bei Traumata wie einer Trennung oder einem Todesfall. Man gewöhnt sich schnell an die Mittel, viel schneller als etwa an Alkohol. Die Medikamente unterbinden den Nervenverkehr. Signale erreichen ihr Ziel nicht, das Gehirn beruhigt sich. Viele, die es nehmen, erleben Ruhe vor dem inneren Geschwätz und werden vom Schlaf überwältigt wie Dreijährige im Autositz. Andere überwinden das Schlafbedürfnis und geben sich schummriger Ekstase hin. Manche haben Sex, an den sie sich später nicht erinnern, fahren schlafwandlerisch Auto oder essen den Kühlschrank leer.

"Nach wenigen Wochen täglicher Einnahme hat sich der Körper so an das Medikament gewöhnt, dass es zu Absetzeffekten kommt, die zur weiteren Einnahme führen – das Grundmuster jeder Abhängigkeit", sagt der Psychiater Rüdiger Holzbach. Er ist der Arzt, der sich in Deutschland am besten mit Benzodiazepinen und Z-Substanzen auskennt, er hat in Ostwestfalen die einzige Suchtklinik in Deutschland mit einem eigenen Entzugsprogramm für Benzodiazepin-Abhängige aufgebaut. "Die vielen Patienten, die bei einer Tablette täglich bleiben, spüren nicht mehr die Wirkung des Medikaments, sie arbeiten nur noch gegen die Entzugserscheinungen, die sie für wieder auftretende Symptome ihrer Grunderkrankung halten", sagt Holzbach.

Es gibt Menschen, die nehmen nur einmal im Monat eine Tablette. Aber eine tägliche, längere Einnahme ist gefährlich. Dass die Benzodiazepine Konzentration, Aufmerksamkeit, Erinnerung und Gedächtnis stören, dass sie gleichgültig machen oder chronisch depressiv, antriebslos oder grundlos euphorisch, dass sie die Belastungs- und Konfliktfähigkeit verringern, dass sie langsam machen, seelisch und mental, verstimmt, reizbar, aggressiv, manchmal richtig feindselig, nervös, unruhig und fahrig, dass sie die Angst, die sie eigentlich bekämpfen sollen, langfristig verstärken und zuletzt hervorrufen – all das ist in zahlreichen Studien bewiesen und steht längst im Beipackzettel.

Aber erst seit Kurzem ist klar, wie riskant die Substanzen wirklich sind. Im Herbst 2014 erschien eine Studie im renommierten Fachblatt British Medical Journal, in der kanadische und französische Forscher zum ersten Mal eine Verbindung zwischen Demenz und der Abhängigkeit von Benzodiazepinen sehen: Patienten, die Schlafmittel einnahmen, erkrankten eineinhalbmal häufiger an Alzheimer. Es ist ein erster Hinweis darauf, dass die Schlafmittel ein Grund sein könnten für die Explosion der Volkskrankheit Demenz.

Im selben Fachblatt erschien schon vor drei Jahren eine aufsehenerregende Warnung. Der berühmte amerikanische Schlafforscher Daniel Kripke, emeritierter Professor der University of California, hatte die elektronischen Gesundheitsdaten des amerikanischen Bundesstaats Pennsylvania ausgewertet und kam zu dem Schluss, dass Menschen, die regelmäßig Schlafmittel nahmen, innerhalb von sieben Jahren dreimal häufiger starben als die der Vergleichsgruppe. Wer eine höhere Dosis nahm, starb mit einer mehr als fünfmal größeren Wahrscheinlichkeit. Aus den Daten kann man freilich die Todesursache nicht herauslesen, und verstorbene Schlafmittelsüchtige waren oft alt und hatten Krankheiten.

Kripke plädiert trotzdem dafür, die Mittel vom Markt zu nehmen: "Niemand stirbt, wenn er keine Schlaftabletten nimmt", sagte er dem amerikanischen Magazin The New Yorker. Der Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske schlägt vor, die Packungen zu verkleinern und die Medikamente nur noch auf Betäubungsmittelrezepten zuzulassen, wie es etwa bei Ritalin der Fall ist, dem Mittel gegen Aufmerksamkeitsstörungen. Das BGM sagt, es gebe derzeit keine Überlegungen, die Packungsgrößen zu verkleinern.

In das ostwestfälische Entzugsprogramm von Rüdiger Holzbach kommen zwischen 50 und 100 Patienten pro Jahr, ambulant betreut Holzbach weitere Abhängige aus dem ganzen Land. "Gute Patienten", sagt Holzbach, "brav und angepasst." Die Mehrheit der Abhängigen ist über 50 Jahre, ein Drittel älter als 70. "Sie haben einfach zu wenig Beschäftigung", sagt Holzbach. "Das Selbst-Strukturieren der Zeit haben die älteren Leute nie gelernt." In all der langen, zähen Weile wollten die Alten zwölf Stunden am Tag im Bett verbringen. "Falsche Schlaferwartung" nennt Holzbach das und erklärt, gesunde ältere Menschen brauchten häufig höchstens sechs Stunden Schlaf. Dahinter erkennt Holzbach ein gesellschaftliches Problem: "Wir haben zu wenig sinnvolle Beschäftigung für Ältere."

Was kann man tun? "Wir müssen die Ärzte aufklären." Nur wer die Sucht erkennt, kann sie auch ansprechen. "Es beginnt schon in der Ausbildung. Ich habe im Medizinstudium viele Transplantationspatienten gesehen, aber wie man Husten, Schnupfen oder eben Schlafstörungen behandelt, hat mir keiner beigebracht." In seinen Fortbildungen, sagt Holzbach, sitzen Hausärzte, die glaubten, jemand, der ein bis zwei Tabletten am Tag nimmt, sei nicht süchtig. Genauso oft höre er von Kollegen das Argument: "Wenn eine 75-Jährige das jahrelang genommen hat, soll sie es halt weiter nehmen." Aber, sagt Holzbach, gerade die 75-Jährige gehöre entzogen, weil sich die Alterserscheinungen mit den Benzo-Symptomen ungünstig koppelten.

"Seit es Menschen gibt, wollen sie Sedativa", sagt der Medizinhistoriker Matthias M. Weber vom Max-Planck-Institut in München. Die Menschen wollen beruhigt werden, ihre Angst loswerden. Schon in Homers Odyssee kommt das Zaubermittel Nepenthes vor. Es bedeutet auf Altgriechisch "kein Kummer". In der Odyssee erhält die schöne Helena den Stoff Nepenthes von einer ägyptischen Königin, als "Mittel gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtnis". Wer es nimmt, dem benetzt "keine Träne die Wangen, wär’ ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben, würde vor ihm sein Bruder, und sein geliebtester Sohn auch mit dem Schwerte getötet". Das Molekül C16H13ClN2O schien Anfang der sechziger Jahre dieses Nepenthes zu sein. "Die Idee, ich nehme eine Substanz ein und bin das los, was mich betrifft", sagt Weber.

Leo Sternbach, der Erfinder der Benzos, schrieb, nachdem er sie an Tieren getestet hatte: "Die zähmende Wirkung wurde auch an wilden Tieren beobachtet, wie am Tiger und Luchs, ganz besonders am Affen. Da unser 'Medical Director' gute Verbindungen zum Zoo in San Diego hatte, wurde die Droge auch dort an wilden Tieren geprüft. Dabei erwies sich ebenfalls die außerordentliche Aktivität der Substanz: Ein sonst sehr aggressiver Tiger, der erst kurze Zeit im Zoo war, wurde so gezähmt, dass er ganz unbehelligt berührt werden konnte. Dabei wurde ihm auch eine Blume ins Maul gesteckt, und das wurde fotografiert."

Die allgemeine Zähmung war ein Milliardengeschäft. Valium und der Vorgänger Librium waren damals die kommerziell erfolgreichsten Pharmapräparate. Sie wurden noch häufiger verschrieben als heute. Bei Roche machten die Benzos im Jahr 1974 zwei Drittel aller Pharmaerlöse aus. Ein Jahrzehnt lang war Roche allein wegen der Benzodiazepine der größte Arzneimittelkonzern der Welt.