Dabei hatten amerikanische Forscher schon kurz nach der Zulassung herausgefunden, dass Benzodiazepine abhängig machen. Sie verabreichten in Menschenversuchen elf psychisch gesunden Gefängnisinsassen über mehrere Monate 300 bis 600 Milligramm Chlordiazepoxid – eine hohe Dosis. Beim Umstellen auf Placebos entwickelten zehn von elf Patienten Depressionen, Psychosen, Unruhezustände, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Übelkeit. Es kam zu zwei epileptischen Anfällen.

Warum passierte nichts? "Die Firma Roche fürchtete, dass die 'Nebenwirkung' Abhängigkeit dazu führen könnte, dass Valium nicht mehr entsprechend häufig verordnet würde", sagt der Gesundheitswissenschaftler Glaeske. "Das hätte das außerordentlich profitable Geschäft gefährdet. Entsprechenden Studien wurde von Roche stets widersprochen, nach dem Motto: Wir haben keine Daten zu dieser angeblichen Nebenwirkung." Roche, mit den Vorwürfen konfrontiert, sagt, die Firma habe sich "aktiv in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht und auf den angemessenen und sicheren Umgang mit Benzodiazepinen hingewiesen". Aber Abhängigkeit taucht erst ein Vierteljahrhundert später in Beipackzetteln und der Roten Liste auf, einem Arzneimittelverzeichnis, das nicht unabhängig ist, sondern von der Pharmaindustrie herausgegeben wird.

Die Pharmaindustrie sucht nach einer neuen Droge, die den Menschen die Ängste nimmt. Doch jetzt, Mitte der achtziger Jahre, muss man vor Einführung eines Medikaments Studien vorweisen, denn in Deutschland waren viele Jahre zuvor Babys ohne Arme geboren worden, nachdem ihre schwangeren Mütter Contergan geschluckt hatten. Alle Studien werden von der Pharmaindustrie selbst gemacht. Sie diktiert die Bedingungen. Sie entwickelt: die Z-Drugs, Zolpidem und Zopiclon. Sie haben eine andere chemische Struktur als Benzodiazepine – wirken aber genauso. Sieht man sich heute die Bedingungen an, unter denen die Z-Substanzen eingeführt werden durften, könnte man glauben, die Zulassung habe von vornherein festgestanden: Die Studien waren so angelegt, dass sie Menschen mit Suchtproblemen ausschlossen. Und die Untersuchungszeiträume waren so kurz, dass sie die Entwicklung einer Abhängigkeit gar nicht erfassen konnten.

Also konnten die Vertreter der Pharmaindustrie den Ärzten guten Gewissens erklären, die Mittel seien nicht schädlich und machten nicht abhängig. Und viele der Ärzte glauben das noch heute. Zopiclon und Zolpidem sind aktuell die am häufigsten verschriebenen Schlafmittel. In Deutschland werden sie unter anderem unter dem Namen Ximovan oder Stilnox vertrieben – das ist das Mittel, nach dem Melanie Schneider süchtig ist.

"Mami, was ist los mit dir?", hat die Tochter sie oft gefragt, "Mami, du bist so komisch." Selma ist jetzt 18 und findet, es sei nicht gerade einfach, unter der Obhut einer Mutter aufzuwachsen, die tablettensüchtig ist. Einmal hat eine neue Apothekerin der Mutter aus Versehen sechs Packungen statt sechs Tabletten ausgehändigt. "Ich wollte sie in den Arzneischrank tun", sagt Schneider, "hab ich auch zuerst." Dann hat sie die Tabletten doch genommen. Jede einzelne. "Es ist wie ein Magnet. Ich hab die Packung eingenommen, eine nach der anderen. Ich konnte nicht anders." Geweint habe sie dabei und ferngesehen. Als sie zu sich kam, hatte sie keine einzige Pille mehr. "Ich hab die leeren Packungen das Klo runtergespült", sagt sie, "damit ich sie nicht sehen muss. Damit keiner sie sieht." Dann habe sie die Handtasche durchwühlt, ob sich noch irgendwo eine Tablette finde. Schneider: "Wie ein Maulwurf habe ich gewühlt."

Eines Abends ist Melanie Schneider wieder im Dämmerzustand, als ihre Tochter nach Hause kommt. In der Tür stehend, fragt sie: "Mami, hast du schon gekocht?" Da schmeißt die Mutter ein Glas Nescafé nach ihr. Es zerschmettert an der Wand.

Jetzt ist Schneider in der renommierten Privatklinik Meiringen auf Entzug. Es ist ihr dritter. Die Schweizer Klinik ist ihre letzte Hoffnung. Sie weiß nicht, welche Dosis ihr im Moment verabreicht wird, und sie soll es nicht wissen. Das Medikament ist schon aufgelöst in Wasser. "Für Abhängige, die an ihrer Dosis kleben, ist das eine gute Methode", sagt Michael Soyka, der Klinikleiter und Autor mehrerer einschlägiger Fachbücher. Diesmal müsse sie den Entzug schaffen, sagt Schneider, "ich hab’s der Selma versprochen".

Die Sucht verläuft schleichend und ist für Betroffene und Angehörige oft schwer zu durchschauen. Es ist nicht so, dass Süchtige über Nacht ihre Persönlichkeit verändern, wie beim Heroin. Sie werden einfach stiller. Keiner erfasst die tatsächliche Zahl der Abhängigen – auch die zuständigen Behörden kennen sie nicht. Zwar befragt das BGM jährlich eine Kohorte, wie oft in den vergangenen Wochen Rauschmittel konsumiert wurden. Befragt werden aber nur Menschen, die jünger sind als 65 Jahre – oft fängt das Problem mit diesem Alter aber erst an.

In Deutschland tauchen in den Schlichtungsstellen für Arzthaftungsfragen mitunter Patienten auf, die den Entzug geschafft haben. Sie verklagen ihre Ärzte – wie der Manager aus Bremen, der 2004 von seinem Hausarzt Schadensersatz wollte und 75.000 Euro bekam. Es ist einer der wenigen Fälle, die bekannt wurden.

Die meisten Abhängigen sind Frauen. Das liegt daran, dass Frauen mehr über ihre Ängste sprechen als Männer. Männer greifen eher zum Alkohol, Frauen zur Tablette, die Benzos sind "mother’s little helper", wie die Rolling Stones 1966 sangen. Das habe auch mit dem männlichen Blick auf die Welt zu tun, sagt der Gesundheitswissenschaftler Glaeske, er präge die Medizin. Aus diesem Blickwinkel neigen Frauen zu Übertreibung und Hysterie. Frauen sind labil. Sie gehören ruhiggestellt. Glaeske kann viele Fälle nennen, bei denen Männer das wirksame Arzneimittel bekommen und Frauen eines, das sie beruhigt. Nach einem Herzinfarkt zum Beispiel bekämen Frauen deutlich weniger Prophylaxe wie Cholesterinsenker und Blutverdünner als Männer – stattdessen verabreiche man ihnen etwas "zur Beruhigung", sagt Glaeske. Diese Unterversorgung könne Frauen schaden. Die sogenannte Hysterie war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Sammelbegriff, um weibliches Verhalten zu pathologisieren. Es scheint, als hätten Reste dieser Vorstellung bis heute überdauert. Glaeske erinnert sich noch an eine Werbung für Benzos aus den 1970er Jahren. Der Slogan lautete: "Keine Scheinlösung für Probleme, sondern eine Lösung für Scheinprobleme."

Bleiben die Behandelten nach dem Entzug clean? Holzbach sagt: "In der Regel schon. Aber es taucht plötzlich ein anderes Problem auf." Er lacht. "Hier haben schon Ehemänner ehemaliger Patientinnen angerufen. Sie klagen: 'Meine Frau ist plötzlich so rebellisch. Sie widerspricht und macht nur noch, was sie will.' Und dann fragen sie: 'Können Sie da nichts machen, Herr Doktor?'"

* Name geändert