Um zu lernen, wie Paul funktionierte, war es von Vorteil, selber mal, um es beim Namen zu nennen: in der Scheiße zu sitzen. Eine soeben gescheiterte Ehe mit zwei kleinen Kindern? Hervorragend. Es war ein lauer Abend in München vor vielen Jahren, als Paul dazukam auf die Terrasse der Bar, er sprach lange mit einer schönen Frau, die immer wieder ihren Kopf auf seine Schulter legte und plapperte und plapperte. Paul hörte lieb zu und schaute dabei aber ständig rüber. Dann stand er auf und zog seinen Stuhl heran. Ein tiefer Blick. Sein erster Satz war dann schon sehr Sahner und gutes altes, wurschtiges Schwabing, denn irgendwie hat er es immer hinbekommen, dass er die, die er etwas doof fand, auch mochte, also lächelte er lieb und sagte: "Wahnsinn, was die für einen Stuss redet. Total süß."

Dann ging er zum Angriff über.

Er brummte: "Du, und bei dir alles okay?" Über die Stimme von Paul ist viel geschrieben worden, als er noch lebte, und natürlich wird seit Montag noch mehr über sie geschrieben, weil er am Sonntagabend gestorben ist. Die Stimme hatte er mit dem großen Crooner Richard Hawley gemein; es ist irgendwas zwischen Bass und Bariton, es ist eine Stimme, die nicht bohrt und löchert, sondern die einen trägt. Ach, wie gerne wird man mal getragen. Journalisten haben meistens zu hohe Stimmen, die dann, weil Journalisten meistens zu aufgeregt sind, zu hysterischen Stimmen werden, vor allem am sehr, sehr wichtigen Telefon.

Mit diesen Stimmen kann man sich mit anderen Hysterikern, also anderen Journalisten, prima in irgendwas reinsteigern. Das ist dann aber auch schon alles. Und wenn das alles ist, ist es für Leute wie Paul zu wenig.

Paul war am Telefon eine Legende. Er beherrschte dieses Instrument wie, sagen wir, der Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour seine Gitarre. Er wusste, dass die Leute am anderen Ende seine sagenhaft freundlichen Augen nicht sehen, also: Viva la voce. Timing, Brummfrequenz, Wortdehnung, Pausen, um den anderen (sich um Kopf und Kragen) reden zu lassen: ergo säusel, brumm.

Wenn Pauls Name auf dem Display auftauchte, stand man innerlich kerzengerade. Er hatte mindestens etwas Interessantes erfahren und wollte fragen, wo man selbst gerade stecke in dieser Recherche, so man überhaupt in dieser Recherche stecke. Schauspielerinnen, mit denen er für die Bunte zur Gewinnung positiver Energie Bäume umarmte, hatte er exklusiv. Aber es gab immer wieder tolle Schnittmengen, und wenn ein Politiker oder Sportmediziner gerade die Fassung verloren hatte, so durfte man vermuten, dass Paul mit der losen Fassung irgendwo in München saß und ein bisschen herumtelefonierte. Auch bei den Kollegen. Sowieso bei den befreundeten Kollegen.

"Ja, äh, bitte?"

"Du, der Paul hier!"

Paul würde es ein wenig anöden, wenn man seine ganzen Stationen aufzählte. Also lassen wir das. Nur kurz: Volontär beim erzkonservativen Westfalenblatt, Gesellschaftsreporter hier und da, zwei Jahre beim Busenheft Penthouse, seit 1994 bei der Bunten, seit 2001 als Chefreporter. Dass er nicht mehr wechselte, sollte man, das sei hier versichert, nicht so interpretieren, dass es diese Angebote nicht mehr gegeben hätte. Dann und wann wurde ihm die bis heute unübertroffene, oft eben auch so lustige Illustrierte Bunte ein bisschen zu klein, dann schrieb er halt ein Buch.

Er führte rund 3.000 Interviews, und was ihn dabei so besonders machte, war, dass er die Schauspielerin, mit der er den Baum umarmte, so wichtig nahm wie den Dalai Lama, Michael Jackson, Nelson Mandela, Marcel Reich-Ranicki oder Martin Walser. Da er ein Kind der sechziger Jahre war, hatte er den Diskursgruppentonfall ebenso drauf wie den rhetorischen Spontanüberfall.

Einen sehr bekannten Mann fragte er mal, nach dessen langer Seelenbeichte, nach dessen stark renovierungsbedürftiger Ehe, ruck, zuck: "Und, vögelt ihr noch?" Zwar stand die Frage dann so nicht im Heft, aber die Antwort mehr oder weniger eben schon. Mit Walser schwamm er durch den Bodensee und säuselte dabei einfach weiter. Da er ein Mann war, wusste er, dass Männer oft sehr peinlich sind.

Eines Abends kam er ins Schumann’s mit exakt fünf druckfrischen Ausgaben der Bunten, für jeden von uns eine: darauf der Verteidigungsminister Scharping auf Mallorca, wie verrückt planschend mit seiner neuen Flamme, der Gräfin Pilati. Paul strahlte, der halb nackte Scharping strahlte auf dem Cover, die Gräfin Pilati strahlte im Heft, wir alle strahlten im Schumann’s. Paul sagte: "Ich glaube, die Geschichte tut dem Rudolf gut." Zu dumm, dass Scharpings Soldaten gerade in Ex-Jugoslawien unter Lebensgefahr mit der Friedenssicherung beschäftigt waren. So wurde aus dem großen Rudolf Scharping aus hormonellen Gründen der Verbandspräsident der Radfahrer und Graf Pilati.

Ach so, genau, der Vollständigkeit halber: Paul war nicht bei der Heilsarmee, und ihn interessierten die Menschen nicht aus karitativen Gründen. Er ging für eine gute Geschichte mitunter in jeder Hinsicht sehr weit. Ein Zyniker aber war er nicht. Die Spitzbuben saßen und sitzen woanders. Seine zehn Gebote begannen halt so: 1. Du sollst nicht langweilen. 2. Du sollst nicht langweilen. 3. Du sollst nicht langweilen. Das vierte Gebot: Du sollst gut schreiben. Die anderen sechs Gebote?

Keine Ahnung, vermutlich reichten die vier halt. Paul, der belesener war als manch ein müde das Haupt wiegender Großfeuilletonist, verfasste in seinen oft nur hauchzarten und bitterkurzen Texten brillante Unterhaltungsprosa. Von den in endemischen Phrasen die Weltlage bedröhnenden Kollegen, die ihren Hintern nur dann aus dem Sessel bekommen, wenn sie ihre Visagen irgendwie ins Fernsehen kriegen, unterschied Paul, dass ihn auch das wahnsinnig langweilte. Er wollte vor seinen Leserinnen und Lesern nicht halbe Weisheiten in epischer Länge ausbreiten. Seine Religion war die Story. Menschen fand er halt bis zum Exzess interessant. Sogar unwichtige Menschen – wenn nur die Story stimmte.

"Du, und bei dir alles okay?"

Stundenlang märte man sich beim Paul aus damals. Geht man nicht in eine Bar, um zu schweigen? Danach lag man daheim noch lange wach. Und dachte: Ah, so macht er das also.

Paul starb am Sonntag. Wie man so sagt: friedlich und plötzlich. Besser geht’s nicht. Trauriger geht’s grad auch nicht. Er wurde 70 Jahre alt. Und hinterlässt nun Menschen, die er sehr geliebt hat und die ihn sehr geliebt haben. Zuerst sind das seine Frau Martina und seine Tochter Annabel.

Alexander Gorkow ist seit 1993 bei der "Süddeutschen Zeitung". Er leitet dort seit 2009 das Reportageressort "Seite Drei".