War Winnetou schwul? Natürlich nicht; er war auch nicht das, was man später metrosexuell nannte. Der Winnetou, den Pierre Brice in den deutschen Filmen der sechziger Jahre gab, war polymorph romantisch. Der hatte diese Sehnsucht im Blick, die über alles irdische Begehren hinausweist, und diese Melancholie, die nur ein Mensch hat, für den die wahre Liebe auf Erden nicht zu haben ist. Kurzum, dieser Winnetou war das Traumbild der Pubertät für die erste Nachkriegsgeneration in Deutschland. Gemocht haben ihn aber Kinozuschauer beinahe überall auf der Welt. Er konnte sehr unterschiedliche Transiträume besetzen, langhaarig, mythengesichtig, bronzefarben, nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen Kulturen und Lebensaltern.

Und hinter der romantischen Fassade lauerte stets der harte Knochen. Pierre Brice war gar kein Schauspieler; er war eher ein verlorener Abenteurer auf der Suche nach einer passenden Erzählung. In der Zeit der deutschen Besatzung diente er der Resistance als kindlicher Bote, danach meldete er sich freiwillig als Soldat nach Indochina und war Fallschirmjäger in Algerien. Im französischen Kino hatte er anfänglich wenig Glück. Die Rolle des schönen Verlierers war mit Alain Delon schon besetzt; was Pierre Brice blieb, waren Rollen in der zweiten Reihe des europäischen Trash-Movies: Piraten, Musketiere, antike Römer, auch die psychotischen Mörder italienischer Thriller.

Die Rolle des Winnetou, die ihm der deutsche Produzent Horst Wendlandt dann antrug, war ihm zunächst einigermaßen zuwider. Richtig gut reiten, schießen, Tomahawk werfen und all das, was ein Indianer eben so macht, das hat er eher ungenügend gelernt. Aber vielleicht gehörte das ja zu seiner Wirkung. Brices Winnetou war fremd im eigenen Körper, fremd in diesem staubigen Jugoslawien, in dem die Filme gedreht wurden, fremd in allen diesen Kämpfen, die nicht die seinen waren.

Romantische Indianerfilme aus der BRD, mit einem Amerikaner in der Shatterhand- und einem Franzosen in der Winnetou-Rolle, und das in dem Jahr, in dem die Rolling Stones ihren ersten Auftritt im Marquee Club hatten? Gleichwohl entwickelte sich Der Schatz im Silbersee zum größten Kassenerfolg der Kinosaison 1962/63, gab der siechen deutschen Kinoindustrie neuen Auftrieb und machte Pierre Brice zum Star. Von 1962 bis 1968 spielte er Winnetou in elf Filmen, eher overdressed in einer Welt der Lumpen und nackten Oberkörper. In sieben der Filme war Lex Barker als Old Shatterhand sein Partner, und man merkte, dass die beiden auch in echt Kumpel waren, Huck und Tom, die sich an alte Streiche erinnern. Mit anderen Partnern, wie dem sichtlich gelangweilten Stewart Granger als Old Firehand, gelang das nicht so gut.

Aber dieser Winnetou war nicht nur ein Leinwandstar. Er war das heimliche Zentrum der deutschen Kinderzimmer, in Postern und Sammelbildern präsent. Pierre Brice war das Missing Link zwischen Karl May und den Beatles. Der Letzte von etwas Altem, der Erste von etwas Neuem, was man an seinem Blick, seinem Gang, seiner Art, ein Gewehr zu halten, sehen konnte. In Pierre Brices Winnetou sah man einer Häutung zu, dem Abstreifen einer alten Schlangenhaut aus Deutschtümelei, christlicher Mystik und dem esoterisch-heroischen Männerbild Karl Mays. Aber es war auch das Festhalten einer Traumform, der Beginn einer wundervollen Neurose. Winnetous Tod war der Abschied von einer deutschen Kindheit für die Enkel von Adolf Hitler, die zugleich Kinder von Coca-Cola waren.

Er war bekennender Reaktionär und liebte den Aufruhr der Jugend nicht

Alles, was danach kam, war nur fernes Echo. Pierre Brice kehrte, nach einigen Misserfolgen in europäischen A-Filmen, in die Niederungen des Trash zurück, irrte durch Fernsehserien wie Die glückliche Familie und Ein Schloss am Wörthersee und konnte auch der Serie Winnetous Rückkehr (1989) nichts anderes als Wehmut mitgeben. Am Ende war er der Winnetou der Segeberger Festspiele.

Zur Fremdheit dieses Menschen, der wie die meisten Stars des deutschen Kinos auch singen musste und dessen erster Hit naturgemäß Ich steh’ allein (1965) hieß, gehörte es, dass ihn in seinem Heimatland niemand kannte und dass er der Jugend, der er den Weg vielleicht gewiesen hatte, ganz und gar nicht folgen konnte. Pierre Brice war bekennender Reaktionär. Er suchte die Nähe der rechten unter den konservativen Politikern und verachtete den Aufruhr der Kids. Der polymorphe Romantiker war aus einer Zeit gekommen, in der es keine Jugend gegeben hatte. Darin war er der negative Spiegel der Generation seiner Bewunderer, den langen Haaren gaben sie eine andere Bedeutung und auch dem Blick in die Ferne, die nun die Zukunft repräsentierte. Für Winnetou war es eine Vergangenheit.

In den ewigen Jagdgründen der Popkultur werden sich Pierre Brice und Winnetou wieder trennen. Oder endgültig verschmelzen, wer weiß.