Männer prügeln sich die Nase blutig, saufen sich in einen Vollrausch, verspielen ihr Vermögen. Das ist der Stoff, aus dem Schoten gemacht werden. Jockl Hoffmann liebt es, solche Schoten zu erzählen. Unkontrollierbar sprudeln sie aus ihm heraus.

Der 68-Jährige sitzt in einem holzvertäfelten Raum im Hafenmuseum auf dem Kleinen Grasbrook. Hier hockten früher die Lotsen in ihrer Pause und schauten aufs Wasser. Draußen legten riesige Schiffe an, es wurden massenweise Güter aus Südamerika umgeschlagen. Heute ist der Ort ein Museum und Hoffmann selbst so etwas wie ein Exponat. Er hat im Hafen gearbeitet, schleppte jahrzehntelang Kaffeesäcke und Bananenkörbe. Tritt er jetzt vor die Tür und geht zum Wasser, sind da kaum noch Männer wie er. Fast alles läuft maschinell, viele Kollegen, sagt Hoffmann, habe es "weggefetzt". Die Männer verloren ihre Jobs an Maschinen. Er selbst ist längst in Rente, führt Besucher durchs Museum und berichtet von damals.

Nicht mehr lange, und der grauhaarige Hamburger wird seine Geschichten zum ersten Mal auf einer Bühne erzählen. Das Ohnsorg-Theater zeigt im Hafenmuseum das Stück Tallymann und Schutenschubser. Zusammen mit vier ehemaligen Hafenarbeitern erzählt Hoffmann aus seinem Leben an Land und auf See. Nicht immer ist es lustig, oft sind es Geschichten des Niedergangs. Erzählungen von Decksarbeitern, Fischern und Unternehmern, Bewohnern von Welten, die es heute nicht mehr gibt.

Die Arme auf den Tisch gelegt, sitzt Hoffmann in schwerer Lederjacke und Kapuzenpullover am Tisch. "Das schönste Jahr meines Lebens war auf einem Bananendampfer", sagt er. "Panamakanal, Miami, ab und zu New York." An Bord brauten sie Schnaps, an Land eroberten sie Frauen. "Da haben wir richtig geil gelebt, so geil kann man eigentlich gar nicht leben!"

Nach einiger Zeit auf See zerstritten sich die Männer auf dem Dampfer. Hoffmann kehrte zurück nach Hamburg und lernte eine Frau kennen, bei der er bleiben wollte. Also suchte er sich einen Job im Hafen. "Da haste ja immer Arbeit gefunden, so was wie heute gab’s da nicht: 150 Bewerbungen und genauso viele Absagen." Schon früh am Morgen sei der Kai schwarz gewesen, so viele Männer gingen dort ihren unterschiedlichen Gewerben nach.

Über dem Hafen hing damals eine riesige Rauchwolke, sagt Hoffmann, überall quietschte es und pfiff. Es konnte sein, dass man sich bei der Arbeit umsah unter den Kollegen und locker auf 100 Jahre Knast-Erfahrung kam. Der Hafen war ein Ort für Tagelöhner und Aussteiger, für Aktivisten, Kriminelle, Verrückte.

Während Hoffmann erzählt, kommt Regisseur Michael Uhl dazu, ein hagerer Mann mit kantigem Gesicht und langen Koteletten. Die Proben beginnen gleich. Uhl ist in Hektik, aber kurz nimmt er sich Zeit. Der Umbruch im Hafen habe ihn interessiert, sagt er. Die Entwicklung von Muskelkraft zu Maschinenkraft. Ihn habe überrascht, mit welcher Gelassenheit die Senioren auf ihre Vergangenheit schauten: "Die berichten von Jobs, die es nicht mehr gibt – aber ohne Wehmut oder Nostalgie. Der Hafen ist schnell und effizient, das ist eine Spielregel, die denen immer bewusst war. Dass sich ihre Jobs auflösen, sehen viele deshalb sportlich."

In seiner Inszenierung hat Uhl den alten und neuen Hafen miteinander verbunden. Die Zuschauer werden mit einer Barkasse von der Überseebrücke aus über die Elbe zum Hafenmuseum gefahren.

Neben Hoffmann und den Männern gibt es einen Musiker. Mal spielt der moderne Musik, die schnurrt wie der moderne Hafen, mal steht er mit Akkordeon neben den Männern, wenn sie aus der Vergangenheit erzählen. Uhl hat für das Stück stundenlange Gespräche mit den Senioren geführt, sie verdichtet und gekürzt, damit sie in einen Theaterabend passen.

Und so stehen Hoffmann und die anderen bei der Probe zwischen mannshohen Schiffsschrauben und Bootskörpern und schnacken um die Wette. Zum Beispiel Jan Jalass, noch einmal zehn Jahre älter als Hoffmann und ehemals Geschäftsführer einer Schlepper-Genossenschaft. Im Grunde, sagt er, verwalte er nur den Abstieg eines Gewerbes. Die Holländer brachten den Hopperbagger auf den Markt, ein Schiff, das mit eigenem Antrieb zu den Stellen fahren konnte, an denen Sand aus dem Hafenbecken geschaufelt werden musste. "Die Schlepper wurden einfach überflüssig, die Entwicklung fegte über uns hinweg", sagt Jalass.

Bei den Proben unterbricht Regisseur Uhl immer wieder: "Ihr müsst zum Publikum sprechen!" Das ist das Besondere des Stücks: Die Männer erzählen öffentlich von ihrem Kummer, den persönlichen Niederlagen. Und sie geben Schoten zum Besten. "Ihr müsst immer noch einen draufsetzen!", ruft Uhl.

Genügend Stoff ist vorhanden. Gerade im Hafen.

Aufführungen: Hafenmuseum Hamburg (Kopfbau des Schuppens 50A). Überfahrt mit der Barkasse! 13., 20., 21., 27., 28. Juni; 18. Juli; Abfahrt mit der Barkasse: 18.00 Uhr, Treffpunkt: Ticketshop Barkassen-Meyer, Landungsbrücken, Hin- und Rückfahrt mit der Barkasse (nicht barrierefrei); Beginn im Hafenmuseum um 19.00 Uhr.