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"Ein Glücksfall" - Mit seiner traumhaften Lage an Elbe und Hafen ist der neue Stadtteil ein Gewinn für Hamburg: Viel Platz für neue Jobs und Sozialwohnungen. Von Jörn Walter

Die Faszination, die von Olympischen Spielen für den Sport und die Weltöffentlichkeit ausgeht, ist unbestreitbar und unbestritten. Kein vergleichbares internationales Ereignis lässt den Wunsch der Menschen nach Verständigung in gegenseitigem Respekt und friedlichem Wettbewerb so erfahrbar werden. Somit ist es eine große Ehre für Hamburg, als Bewerber für einen deutschen Austragungsort ausgewählt worden zu sein.

Zweifel machen sich am zunehmenden Gigantismus der Spiele fest. Sie wurden, weniger durch den Sport als durch ihr Umfeld, immer aufwendiger, die Stadien über lange Zeit immer spektakulärer, die Kosten höher und die Durchführung kommerzieller. Zunehmend kamen nur noch Megacitys oder hypertrophe Kunstgebilde für die Ausrichtung infrage, die olympischen Zentren mussten von der Stadt immer stärker getrennt und in Randlagen verlegt werden. Die Zweifel an der Impulsfunktion und Nachhaltigkeit der Spiele sowie an einem vernünftigen Verhältnis von Kosten und Nutzen nahmen entsprechend zu. Die Folge ist trotz aller Begeisterung für den Sport eine gewisse Entfremdung zwischen der Bevölkerung und dem Ereignis.

Doch nicht die Olympischen Spiele sind ein Problem, die Frage ist, wie wir sie gestalten.

Im Grunde geht es um den großen Irrtum des 20. Jahrhunderts, das mit seinem naivem Technik- und Fortschrittsglauben alles Machbare für sinnvoll hielt und erst an seinem Ende bemerkte, dass seine geistigen und kulturellen Werte, vor allem aber seine natürlichen Lebensgrundlagen darüber verloren zu gehen drohen. Die Rückbesinnung auf inhaltliche Ziele und Wertvorstellungen und die Angemessenheit der Mittel, sie zu erreichen, ist auch bei den Olympischen Spielen heute das Thema.

Das IOC hat hierzu mit seiner Reformagenda ein Zeichen gesetzt. Schwer ist es einzuschätzen, ob die Kraft besteht, den Reformanspruch über die vielen Nationen hinweg einzulösen. Fest steht aber, dass Deutschland mit Hamburg dafür ein Angebot unterbreiten will. Mit den "Spielen im Herzen der Stadt" bietet Hamburg ein Konzept, das den unmittelbaren Zusammenhang von Sport- und Stadtentwicklung, aber auch von Spitzen- und Breitensport herstellen will.

Verstärkt durch Wettbewerbe in der Stadt in einem Radius von maximal zehn Kilometern, entstehen nicht nur "Spiele der kurzen Wege", sondern vor allem engmaschige und nachhaltige Verbindungen zwischen Stadt und Sport, weit über das Ereignis hinaus. Das Ziel einer "Sportstadt Hamburg" würde im Jahr 2024 oder 2028 in einem Maße Realität, wie es ohne Olympische Spiele bei bestem Willen nicht annähernd erreichbar wäre.

Dazu kommt: Der Standort für die zentralen Sportstätten und das Olympische Dorf auf dem Kleinen Grasbrook wird mit seiner traumhaften Lage an der Elbe und den Hafenbecken gegenüber von Stadtzentrum und der HafenCity nicht nur den Sportlern, Besuchern und der Weltöffentlichkeit ein unvergessliches Erlebnis bieten. Er wird auch in der Nachnutzung wie ein Scharnier zwischen den großen räumlichen Projekten der Hamburger Stadtentwicklung wirken: der HafenCity, dem "Sprung über die Elbe" und der jüngst in Angriff genommenen Fortentwicklung der östlichen Stadtteile "Stromaufwärts an Elbe und Bille".

Bis zu 6000 neue Wohnungen könnten in dem neuen Stadtteil entstehen, ein Drittel davon Sozialwohnungen. Ein Leichtathletikstadion für Norddeutschland würde bleiben, ein Kreuzfahrtterminal für den maritimen Wirtschaftsstandort, eine Schwimmhalle für Sport und Freizeit. Auch neue Arbeitsplätze in neuen Gewerbebauten würden entstehen, vor allem aber ein olympischer Park für die Hamburger und ihre Besucher, mit spektakulären Blicken auf Elbe, Hafen und die Stadt.

Die mögliche Umwandlung dieser heute vollständig versiegelten Fläche in einen neuen Stadtteil ist aus Sicht einer nachhaltigen Stadtentwicklung ein Glücksfall, aus Sicht der Hafenentwicklung aber ein tiefer Eingriff. Dem muss mit einer schlüssigen Strategie begegnet werden: Die Betriebe müssen so verlagert werden, dass sie dabei an Effizienz gewinnen. Und lange angedachte Infrastrukturprojekte können beschleunigt in Angriff genommen werden. Das geplante Terminal in Steinwerder gehört dazu, ebenso der Bau der A 26 mit einer überfälligen neuen Querung über die Süderelbe und der Ausbau der A 7.

Olympische Spiele sind somit nicht nur für die Stadt insgesamt, sondern auch für den Hafen eine große Chance, sich für die zwanziger und dreißiger Jahre wettbewerbsfähiger aufzustellen. Umgekehrt wird die ganze Stadt von den notwendigen Infrastrukturmaßnahmen profitieren. Man denke an die Pläne zum Ausbau des Schnellbahnnetzes, der durch die Spiele wesentlich beschleunigt werden können.

Sieht man all das im Zusammenhang, so wird deutlich, dass das Hamburger Konzept von den langfristigen Zielen einer Stadtentwicklung getragen ist, die es mit einem siedlungsstrukturell-, sozial- und umweltverträglichen Wachstum ernst meint und dabei dem Sport einen deutlich höheren Stellenwert einräumen will. Die Spiele selbst sollen nicht zu kurz kommen, sich aber sinnvoll in das übergeordnete Konzept einfügen. An dieser Optimierung wird zurzeit im Rahmen des Masterplanprozesses gearbeitet. Dazu gehört auch, die Belange der direkt Betroffenen im Hafen und den benachbarten Stadtteilen Veddel, Wilhelmsburg, HafenCity und Rothenburgsort ernst zu nehmen und auszugleichen. Und weiter, Eingriffe in Natur- und Landschaft zu minimieren und ein zukunftweisendes Verkehrs- und Energiekonzept zu entwickeln.

Nicht zuletzt müssen wir offen über Kosten und deren Finanzierung reden. Denn bei allem Willen zu Angemessenheit und Bodenhaftung in der Planung – Olympische Spiele sind nicht umsonst zu haben. Sie lohnen sich aber, wenn die bleibenden materiellen und inhaltlichen Werte größer sind als die Kosten.

Darum geht es für Hamburg, darum geht es aber auch für die Bundesrepublik: in unruhigen Zeiten zu zeigen, dass ein friedliches Miteinander der Kulturen, Chancengleichheit, nachhaltige Metropolenentwicklung und eine Wende zur regenerativen Energieversorgung in der Demokratie ein stabiles Zuhause haben.