DIE ZEIT: Herr Kempcke, kennen Sie Iwan Petrowitsch Pawlow?

Björn Kempcke: Das Glöckchen klingt, der Hund sabbert, stimmt’s?

ZEIT: Genau. Pawlow hat die klassische Konditionierung entdeckt: Er hat eine Glocke geläutet, bevor er seinen Hunden zu fressen gab. Irgendwann reichte das Läuten, um bei den Hunden Speichelfluss auszulösen. Es soll Menschen geben, die beim Hören des Schulgongs Jahrzehnte später noch ein schlechtes Gefühl haben.

Kempcke: (lacht) Stimmt. Ich erinnere mich auch dunkel. An meiner Schule gab es so eine furchtbare mechanische Klingel.

ZEIT: Sie haben den neuen Hamburger Schulgong komponiert. Bis zum Abitur dürfte ein Schüler den Pausengong, grob überschlagen, fast 30.000 Mal hören.

Kempcke: Oje, so oft?

ZEIT: Perfekte Bedingungen für klassische Konditionierung: erst der Gong, dann der Ernst des Lebens. Freizeit und Spaß enden, Arbeit und Mühe beginnen. Haben Sie sich Gedanken gemacht, was Ihr Werk bei Schülern psychisch auslöst?

Kempcke: Ja. Ich habe sogar vorgeschlagen, dass man zwei verschiedene Töne entwickelt. Einen aufsteigenden Ton, der Aufbruchsstimmung vermittelt und die Stunde einläutet, und einen absteigenden, der Abschluss signalisiert und die Stunde beendet. Die Behörde meinte aber, das sei technisch nicht möglich.

ZEIT: Bisher hatte jede Schule ihren eigenen Gong. In Zukunft soll es überall gleich klingen. Warum eigentlich?

Kempcke: Mir hat die Behörde erklärt, dass man bei Neubauten aus rechtlichen Gründen den alten Ton nicht mehr nehmen darf. Man hätte natürlich einfach einen Gong bei YouTube runterladen können. Die Behörde wollte aber Ärger vermeiden und hat mich gefragt, ob ich so einen Ton nachbauen könnte.

ZEIT: Wieso ist die Behörde gerade auf Sie gekommen?

Kempcke: Ein Mitarbeiter der Behörde hat früher mit mir zusammen Musik gemacht. Der hat vorgeschlagen, mich mal anzurufen und zu fragen.

ZEIT: Gab es Vorgaben: nicht zu aggressiv, aber auch nicht einschläfernd; fröhlich, aber nicht ausgelassen; einprägsam, aber künstlerisch wertvoll?

Kempcke: Die Behörde hat gesagt: Hören Sie sich doch mal um, wie ein Schulgong klingt, und machen Sie das nach. Das habe ich getan, ist im Internet relativ leicht. Das sind meistens glockige Sounds, Akkorde bei denen die Töne nacheinander angespielt werden und sich dann überlagern. Ich habe mich für C-Dur in zweiter Umkehrung entschieden, also die Töne: G, C und E.

ZEIT: C-Dur? Weil Sie Schlagzeuger sind und nichts anderes können?

Kempcke: (lacht) C-Dur war naheliegend, unter anderem wegen der Tonhöhe. Wenn die Töne zu tief sind, können die Schullautsprecher das nicht wiedergeben.

ZEIT: Das kann man nicht Komposition nennen, oder?

Kempcke: Nein, definitiv nicht. Das ist nichts, was man als persönliche geistige Schöpfung ansehen könnte.