Ein Herr aus der besseren Gesellschaft zählt zu den ersten Schaulustigen, die am Vormittag nach der Schlacht in Waterloo ankommen. Der Weg von Brüssel ist nicht weit. Als der elegant gekleidete Mann seiner Kutsche entsteigt, presst er sich sofort ein parfümiertes Taschentuch vor die Nase – zum Schutz gegen den Gestank von Kot, Urin und Erbrochenem. Vorsichtig balanciert er zwischen den am Boden liegenden Körpern umher, immer bedacht, seine weißen Gamaschen nicht zu besudeln. Die Fledderer der vorangegangenen Nacht waren weniger vorsichtig, als sie den vom bläulich-weißen Mondlicht beschienenen Toten und Verwundeten noch brauchbare Kleidung vom Leib rissen und ihnen die Schneidezähne aus dem Kiefer brachen. Für unversehrte Exemplare zahlten die Brüsseler Dentisten gute Preise.

Waterloo, die vielleicht berühmteste Schlacht der Menschheitsgeschichte, ist längst zum Mythos, zum Inbegriff einer vernichtenden Niederlage geworden. Für den Schriftsteller Victor Hugo ist sie "keine Schlacht", sondern "die veränderte Gestaltung der Welt". Der britische Dichter Lord Byron bezeichnete den Ort an der Straße von Charleroi nach Brüssel als "Schädelstätte", auf der die "vereinten Nationen über den französischen Tyrannen gesiegt" hatten.

Rund 150.000 Soldaten standen sich am 18. Juni 1815 auf einer Fläche von gerade einmal sechs Quadratkilometern gegenüber. Auf der einen Seite die Armee Napoleons, jenes Mannes, der zwei Jahrzehnte lang Europa in Atem gehalten, Millionen Menschen unterworfen und Hunderttausende auf den Schlachtfeldern geopfert hatte. Auf der anderen die von Arthur Wellesley, Herzog von Wellington, angeführten Briten sowie die preußische Streitmacht unter dem Kommando des bereits 72-jährigen Gebhard Leberecht von Blücher.

Die letzte, alles entscheidende Schlacht zwischen Bonaparte und den Alliierten beginnt gegen ein Uhr mittags; abends um acht ist alles vorbei. Napoleon, Feldherr, Politiker und Tyrann, ist vernichtend geschlagen, die Reste seiner stolzen Armee sind in alle Winde zerstreut.

Am 1. März 1815, ein Jahr nach seiner Niederlage gegen die Allianz aus Großbritannien, Österreich, Preußen und Russland, war der nach Elba verbannte Franzosenkaiser zurückgekehrt nach Frankreich. Noch einmal sollte sich der Adler, das Symbol seiner Armee, in die Lüfte erheben. Während in Wien die Staatslenker Europas eine neue Ordnung für den Kontinent schmiedeten, marschierte Napoleon von der französischen Mittelmeerküste aus auf Paris zu. Die Soldaten, die ihn aufhalten sollten, liefen größtenteils zu ihm über, die Menschen jubelten ihm wieder zu. Der ungeliebte König Ludwig XVIII. floh und überließ Napoleon kampflos die Hauptstadt.

Auf dem Wiener Kongress löst die Nachricht vom Eintreffen Napoleons in Frankreich Panik aus. Allen ist klar, was nun bevorsteht. Napoleon will nicht nur die Macht über Frankreich, er will die Macht über Europa. Und er hat nur noch diese eine Chance. Die Siegermächte von 1814 entscheiden schnell. Noch bevor Bonaparte in Paris einzieht, erklären sie ihn zum internationalen Gesetzesbrecher und "Störer des Weltfriedens". In weniger als einer Stunde ist der Krieg beschlossen. Der Usurpator soll ein für alle Mal außer Gefecht gesetzt werden.

Napoleon wirft seinerseits die Kriegsmaschinerie an, lässt Waffen produzieren, Soldaten rekrutieren und zieht mit seiner Armée du Nord in Richtung Niederlande (der belgische Staat existiert erst seit 1830), wo Blüchers und Wellingtons Truppen getrennt voneinander stehen. Österreichs und Russlands Armeen sind noch weit entfernt; bis sie eingreifen können, wird es Wochen dauern.

Napoleon plant, mit seinen Streitkräften einen Keil zwischen die beiden feindlichen Armeen zu schlagen und sie getrennt zu besiegen. Nur dann hat er mit seinen 123.000 Soldaten und 350 Kanonen eine Chance gegen die insgesamt 220.000 Mann und 420 Geschütze Wellingtons und Blüchers. Er muss schneller sein als seine Gegner. Am 15. Juni überschreiten die französischen Truppen die Grenze zu den Niederlanden.