Waterloo 1815 ist der Inbegriff der Schlacht. Pharsalos oder Kunersdorf, selbst Auerstedt oder Borodino sind nur noch Namen. Von Waterloo hat das Publikum eine Vorstellung. Der Buchmarkt, der sich 15 Jahre lang trotz aller jubilarischen Anlässe für die napoleonische Zeit nicht interessierte, hat jetzt einen ganzen Schwung Titel zum Thema hervorgebracht. Lohnt es, sich mit Krieg und Kriegsgeschrei zu befassen? Mit Waterloo endet jedenfalls die Epoche der Revolution. Militär und Kriegführung sind große Ausdrucksformen der Zeit.

In den seither vergangenen 200 Jahren ist über Waterloo endlos debattiert worden. An Quellen mangelt es nicht, aber sie geben nicht leicht ein schlüssiges Bild. Und so zitiert jeder Autor die Bemerkung des britischen Feldherrn Wellington, die Geschichte einer Schlacht ähnele der Geschichte eines Balls: Selbst wer die vielen kleinen Ereignisse behalten habe, könne sich nicht an deren Reihenfolge erinnern. Das passt so schön zu der berühmten Schilderung der Schlacht, die Stendhal in seinem Roman Die Kartause von Parma gibt, das klingt so nüchtern und desillusionierend – das muss wahr sein.

Allerdings sollte man bedenken, dass Wellington, der seine Karriere in der Politik fortsetzte, starke Gründe hatte, kommenden historischen Untersuchungen von Waterloo ihre Ernsthaftigkeit abzusprechen. Einmal ging es für ihn und sein Land darum, den Ruhm des Sieges ganz auf die britische Seite zu buchen, jedenfalls möglichst wenig auf die preußische. Und zum anderen hatte er wie auch Napoleon und Blücher sich eine Reihe erstaunlicher Fehler zuschulden kommen lassen.

Unter den gerade erschienenen Büchern zum Jahre 1815, denen man Kredit zubilligen will, befassen sich zwei speziell mit dem militärischen Geschehen. Mit einer gewissen Automatik greift der erfahrene Leser nach dem betreffenden Band der Reihe Beck Wissen, die, jedenfalls auf dem historischen Feld, ein ganz erstaunliches Niveau hält. Der Band über die Völkerschlacht bei Leipzig von Hans-Ulrich Thamer war ausgezeichnet, weil mehr als nur eine Kriegsgeschichte. So respektvoll wird man sich über das Waterloo-Buch von Marian Füssel nicht äußern. Allen methodischen Ansprüchen zum Trotz ist es schlicht gemacht. Es verhakelt sich bald in den einzelnen Begebenheiten der Gefechte und verwendet zuletzt wenig Energie auf die Frage, warum die Sache für Napoleon so schlecht ausging, obwohl seine Truppen allgemein als die kampfkräftigsten angesehen wurden.

Sehr viel mehr lernt man aus dem Buch von Klaus-Jürgen Bremm. Er führt aus, inwiefern Waterloo die letzte Schlacht der Revolutionsepoche und zugleich die letzte der vormodernen Epoche war. Feuerkraft, Beweglichkeit, Kommunikation – seit 200 Jahren hatte sich da nicht viel getan. Die Infanterie spielte die entscheidende Rolle. Der Bajonettangriff war das Mittel der Wahl, eine gefürchtete, grausige Sache. Alles hing an der Standhaftigkeit der Front, "jeder muss notfalls auf dem Platz sterben, den wir besetzt halten", hatte Wellington befohlen. Und wirklich, ihrer Tapferkeit und Feuerdisziplin verdankten die Briten und die mit ihnen kämpfenden Niederländer den Sieg.

Ohne den Angriff der Preußen in die französische Flanke aber wäre es nicht gegangen. Und auch hier gab eine traditionelle Tugend den Ausschlag: die bewunderungswürdige Marschleistung der preußischen Truppen, die sich nach der Niederlage bei Ligny am 16. Juni in Richtung Norden zurückgezogen hatten (also nicht nach Osten heimwärts, wie Napoleon sich sicher war), um Wellington zwei Tage später bei Waterloo zu Hilfe kommen zu können wie zugesagt. Die Leistungen der Mannschaften, dazu Übersicht und Entschlossenheit der Unterführer machten den Unterschied aus. Die französischen Truppen, berühmt für ihre Schnelligkeit, wirkten "betulich", die Generäle Napoleons hilflos. Napoleon selbst tadelte sie später scharf, vor allem Marschall Ney in seiner sinnlosen Bravour, versäumte es aber, klare Befehle zu geben, und griff auch während der Schlacht nicht korrigierend ein. Dass Truppen und Unterführer so hilflos wirkten, führt Bremm auf den Napoleon-Mythos zurück, der die Verantwortungsbereitschaft aller anderen entkernt habe. Das Charisma des Kaisers habe sich zuletzt gegen ihn gewendet.

Damit ist man bei der politischen Seite der Hundert Tage, die mit Waterloo ihr Ende fanden. Sie haben Napoleons Wirken nichts Gutes mehr hinzugefügt, im Gegenteil Frankreich sehr geschadet. Die klassische Napoleon-Biografie von Georges Lefèbvre (1936) sieht die Hundert Tage nur noch als Nachspiel, das auf zehn von fast 600 Seiten abgemacht ist.

Nicht ganz anders hat es auch Johannes Willms in seinem Napoleon-Buch von 2005 gehalten. Die Lücke füllt er nun. Den Schwerpunkt bildet die Person Napoleons. Viele Militärhistoriker halten dessen Kampagne 1814 für seine glänzendste, als er gegen die Alliierten in Frankreich operierte, angesichts seiner geringen Mittel und der Erschöpfung der Nation zuletzt aber erfolglos. Warum wirkte er ein Jahr später so viel schwächer? Auf St. Helena gab er später zu, er habe 1815 in sich "nicht mehr das Empfinden eines sicheren Erfolges" gehabt. Das lag auch daran, dass er als Politiker in den Wochen vor der Schlacht feststellen musste, dass er in Frankreich nur noch in einzelnen Milieus ein Echo fand. Willms schildert das Geschehen zuverlässig, man ist mit seinem Buch gut informiert. Aber es geht dem Autor doch die Erkenntnislust ab, die drei andere Autoren zu so animierenden Büchern beflügelt hat.