Der anrüchige Deal musste schnell unter Dach und Fach gebracht werden, sehr schnell. Nur im halsbrecherischen Eilzugtempo konnte es dem burgenländischen Landeshauptmann Hans Niessl gelingen, seine Partei zu übertölpeln und ein Regierungsbündnis zu zimmern, das bis zu diesem Zeitpunkt unter Sozialdemokraten verpönt war. Der rot-blaue Pakt von Eisenstadt stellte die verblüfften und entsetzten Genossen vor vollendete Tatsachen. Er leitet nun die strategische Wende in der Politik der Sozialdemokratie ein. Dennoch ist der Schaden wenige Monate vor wichtigen Regionalwahlen groß: Teile der gespaltenen Partei befinden sich in hellem Aufruhr, und der düpierte Vorsitzende wirkt hilfloser denn je.

Drei Jahrzehnte lang galt ein Dogma, das der damalige Kanzler Franz Vranitzky seiner Partei aufgebürdet hatte: Mit den Freiheitlichen, die durch Jörg Haider von einer nationalliberalen Honoratiorenpartei zu einem aggressiven Kampfverband umgewandelt wurden, dürften Sozialdemokraten keine gemeinsame Sache machen. Niemals und unter keinen Umständen. Das war 1986 kein taktischer Schachzug, sondern eine Prinzipienentscheidung. Ganz im Sinne ihres Schöpfers sickerte die Doktrin langsam in die Erbsubstanz der Partei und wurde kraft Beschluss des Bundesparteitages, des höchsten Parteigremiums, zum zentralen, wenn nicht gar einzig verbliebenen Identitätsmerkmal der roten Regierungspartei.

Dieser Cordon sanitaire, den die Genossen zu den politischen Schmuddelkindern der Republik gezogen hatten, behinderte sie aber in der Folge erheblich im Regierungsgeschäft. Sie hatten sich jeden Spielraums beraubt und waren ihrem konservativen Koalitionspartner ausgeliefert. Mehrheiten abseits dieser ungeliebten Zwangsehe waren im Parlament ausgeschlossen. Im Dilemma zwischen Prinzipientreue und Selbstfesselung verlor die Partei immer mehr an Durchsetzungskraft. Doch selbst als die Sozialdemokraten von der Spielernatur Wolfgang Schüssel, der unbekümmert seinen eigenen Pakt mit dem Teufel schloss, ausgetrickst wurden, wagte niemand in der Partei, das eherne Gebot anzuzweifeln. Bereits jede Überlegung, ob es überhaupt gelingen könnte, mit einer rabiat populistischen Partei zu kooperieren, ohne zugleich den Anstand zu verlieren, wurde stets als politische Obszönität angesehen. Vielmehr stilisierten sich rote Spitzenkandidaten lieber zum letzten Bollwerk, das der blauen Flut trotzte. Gleichzeitig liefen allerdings immer mehr Kernwählerschichten zu den Unberührbaren über. Schon vor langer Zeit konnten die Freiheitlichen die Sozialdemokraten als neue Arbeiterpartei ablösen und ihnen in vielen sozialen Milieus den Rang ablaufen.

Österreichischen Sozialdemokraten ergeht es nicht anders als vielen ihrer Genossen in Europa.Die meisten finden kein Rezept gegen die populistischen Parteien, die sie bedrängen. Aber nirgendwo stellt sich die politische Gretchenfrage so dringend wie in Österreich.

Die lapidare Antwort, die der Burgenländer Hans Niessl nun darauf fand, muss die Partei im ersten Augenblick als Schlag ins Gesicht empfinden. Aus eigenem Amtserhaltungstrieb so im Handumdrehen ein lästiges Prinzip über Bord zu werfen beschädigt ihre Glaubwürdigkeit nachhaltig. Mit Ausnahme der ehrlichen Empörung des Wiener Bürgermeisters hören sich alle anderen Zusicherungen wie hohle Phrasen an. Was den Burgenländern recht ist, das soll dann im Fall des Falles den Steirern oder Salzburgern nur billig sein.

Die Sozialdemokraten haben es sträflich verabsäumt, in den eigenen Reihen über eine mögliche Neuorientierung zu beraten, und sich stattdessen hinter einem Dogma verschanzt. Das ist nach dem Eklat von Eisenstadt nicht mehr möglich. Die Genossen sollten jetzt einen offensiven Ausweg aus der misslichen Situation nehmen. Ähnlich wie vor zwei Jahren ihre deutschen Genossen die Basis darüber entscheiden ließen, ob man eine umstrittene große Koalition eingehen solle, könnten nun in Österreich die Sozialdemokraten in einer Urabstimmung ihre Mitglieder darüber befinden lassen, wie es die Partei mit den Freiheitlichen halten soll. Das Resultat würde vermutlich viele überraschen, die heute noch lautstark die Meinungshoheit für sich beanspruchen: Die FPÖ dürfte an der SPÖ-Basis erschreckend beliebt sein.