Letzte Tabus im Landschulheim

Das schöne Wort Mumpitz bezeichnete ursprünglich einen vermummten Butzemann. Eine Schreckensgestalt zwar, aber mit Wirkung nur auf Kinder und Narren. Erst später wurde der Mumpitz zum Synonym für groben Blödsinn. Jetzt kommen uns gleich zwei Butzemänner entgegengesprungen: Auf dem Cover seines jüngsten Streichs bietet Till Lindemann bunte Pillen an, im Hintergrund steht ein gewisser Peter Tägtgren Schmiere, seines Zeichens Sänger und Gitarrist der Band Hypocrisy und jenseits der schwedischen Todesmetalszene ein eher Unbekannter. Weshalb das Duo sich vermutlich auch nicht Tägtemann oder Lindtgren genannt hat, sondern schlicht: Lindemann.

Bei der Plattenfirma ist man selbst für Plattenfirmenverhältnisse ganz aus dem Häuschen über das "gnadenlos gute Album", das "Fans rund um den Globus begeistern" und daher "das erfolgreichste Rockalbum des Jahres" werden wird.

Eine hochspekulative Annahme, die doch einer gewissen Grundlage nicht entbehrt. Als CEO der Band Rammstein verantwortet Till Lindemann bekanntlich Deutschlands lukrativsten kulturellen Exportschlager, eine Pyromuskelprovonummer, die weltweit die Massen und Slavoj Žižek begeistert. Der Produzent und Gitarrist Peter Tägtgren dagegen gilt zumindest in der grunzfreudigen skandinavischen Metalszene als helles Licht. Die Wege beider Herren sind unergründlich, seit Jahren schon wollten sie mal "was" miteinander "machen".

Das Ergebnis ist Skills In Pills, eine Art Rammstein light. Verschwunden sind das dekorativ Teutonische, das rollende R und der Grimmsche Grusel. Stattdessen hat das Duo tief in die Grabbelkiste der Popgeschichte gegriffen.

Das Artwork nimmt Anleihen bei Geisterbahn und Horrorfilm. Mal erinnert es an einen Hollywood-Blockbuster, mal an die körperlichen Dystopien eines Marilyn Manson. Dann wieder an das unheimliche Varieté eines Eminem. Drogen, Inzest, Lobotomie, Sex mit Tieren, alles dabei. Einmal sieht man unsere Helden sogar in einem Gemälde von Caspar David Friedrich herumlümmeln: So viel Romantik muss sein.

Insgesamt funktioniert die Platte nach dem Prinzip eines Schrotgewehrs: Mit ultrabreiter Streuung wird auf jeden Busch gezielt, hinter dem sich noch ein Tabu verbergen könnte – oder das, was Lindemann dafür hält.

Dazu passt, dass er sich diesmal des Englischen befleißigt, einer Sprache, die er mit der Flüssigkeit eines Handelsvertreters spricht. Was Lindemann bislang vortrug oder in Gedichtform veröffentlichte, lag ja stets irgendwo zwischen Eichendorff, Gottfried Benn und jenen griffigen Sätzen, die manche Leute sich in Fraktur auf den Nacken tätowieren lassen. Immerhin: Erstmals müssen nun Jugendliche aus Wladiwostok, Buenos Aires oder Sydney nicht mehr das örtliche Goethe-Institut aufsuchen, um sich die Texte erklären zu lassen – sie sind schon vom Titel her self explaining . Abwechselnd lobt Lindemann die Abtreibung ( Praise Abort), die Sinnlichkeit adipöser Damen (Fat), den Geschmack des weiblichen Geschlechts (Fish On) oder, wie in Ladyboy, die erotische Multifunktionalität von Transsexuellen: "I got shot with the sweetest gun, I have it all in one".

Gewisse Probleme auf der Gesamtdistanz

Als All-inclusive-Paket hat das etwas bestürzend Komplettes: Nichts, aber auch gar nichts, was liberal gesinnte Eltern verschrecken könnte, wird ausgelassen. Wer rund um den Globus Adoleszenten bevorzugt männlichen Geschlechts erreichen möchte, muss eben allerletzte Reserven mobilisieren.

Leider handelt man sich damit aber auf die Gesamtdistanz auch gewisse Probleme ein. Zunächst einmal: Die Tabus, die Lindemann mit der enervierenden Akkuratesse eines Dauerpubertanden abarbeitet, sind längst keine mehr. Anything goes: Wer sich beim Sex unbedingt gegenseitig bepinkeln möchte, kann dies tun, solange es konsensuell geschieht, und für die Freude an barocken Körperformen gibt es längst spezielle Ecken im Internet – jeder nach seiner Fasson eben. Das Einrennen offener Türen aber ist eine Disziplin, die in ihrer Monothematik auf Dauer bloß Gähnen hervorruft.

Nicht viel freudvoller ist es um die musikalische Seite des Ganzen bestellt. Die Übertreibung um der Übertreibung willen findet ihren Widerhall in der vollsynthetischen Produktion, mit der Tägtgren das Songmaterial am Mischpult galvanisiert hat.

Nennen wir es Kirmes-Metal: Im Schallschatten von Till Lindemanns gebieterischem Bariton klingt der Breitwandsound, als wäre er am Rechner geschmacksverstärkt worden. Alle Regler sind dauerhaft auf Überwältigung gestellt, fortwährend delirieren künstliche Chöre, es knödeln digital geglättete E-Gitarren, Keyboardflächen schichten sich zu pathetischen Klanggebirgen, und jeder Refrain lädt zum Mitgrölen ein.

Da wackelt das Landschulheim. Wo jedoch alles bloß noch knallt, knallt am Ende nichts mehr.

Überflüssig, noch einmal eigens zu betonen, dass das Ganze zumindest nicht wehtut: Das Böse, das hier heraufbeschworen wird, bleibt die Behauptung zweier Bi-Ba-Butzemänner. Deshalb, lieber Jugendschutz: bitte nichts indizieren, das wäre eindeutig das falsche Signal! Nehmen wir das Ganze lieber als sinn- und zweckfreie Riesenregressionssause, die das Schlagereske am Death Metal herauspräpariert. Peter Tägtgren als Helene Fischer im Kettenhemd, Till Lindemann als Unheilig mit posttraumatischer Belastungsstörung. Monumentaler Mumpitz eben.