Johannes braucht keine Papiere, man erkennt ihn auch so: Im Apostel-Kollegium ist er als Jüngster stets bartlos. Sein Gesicht ist breit und prall, seine Hand eine wahre Pranke. Trotzdem ist er höchst anmutig und von der Botschaft beseelt, die er zu verkünden hat. Sein Körper schwingt in der charakteristisch gotischen S-Kurve, das Gewand fällt in aufwendigen Kaskaden herab. Ähnlich gestaltete Figuren sind aus der Mainzer Region um 1400 bekannt. Bei der Feindatierung helfen die Falten, für die sich die Bildhauer damals immer aberwitzigere Formationen ausdachten. Spezialisten können aus ihnen eine Zeitstellung um 1410/20 ablesen.

Es ist ein spektakulärer Fund, den Sotheby’s Paris zu melden hat: Fünf Werkblöcke mit spätgotischen Sandsteinreliefs wurden aus einer französischen Privatsammlung eingeliefert. Ein sechstes muss es gegeben haben, denn es stehen nur zehn anstatt zwölf Apostel in den fein dekorierten Spitzbogenarkaden. Die Stücke bildeten ursprünglich wahrscheinlich eine Kanzel. Ob die Werkstatt in Mainz selbst oder im weiteren Umkreis tätig war, ist noch nicht erwiesen. Jedenfalls kam aus dieser Kunstlandschaft schon lange nicht mehr ein so bedeutender Werkzyklus auf den Markt; die Taxe von 300.000 bis 500.000 Euro ist da nicht übertrieben. Zum Glück bietet Sotheby’s die Reliefs am 17. Juni nur en bloc an. So bleiben die Apostel zusammen und dürfen weiter hoffen, dass sich irgendwann auch die zwei fehlenden Gefährten finden.

Der Autor ist stellv. Chefredakteur von "Weltkunst" und "Kunst und Auktionen".