Recep Tayyip Erdoğan ist es nicht gewohnt, seine Gegner feiern zu sehen. Doch in der Wahlnacht vom Sonntag gab es vor der Parteizentrale der prokurdischen HDP ("Demokratische Partei der Völker") in Diyarbakır einen lauten Autokorso und eine große Party. Die HDP hat die Zehnprozenthürde übersprungen und es damit ins Parlament geschafft. Im Hauptquartier der AKP Erdoğans, in Ankara, waren hingegen nur betretene Gesichter zu sehen. Premierminister Ahmet Davutoğlu rief den Anhängern mit heiserer Stimme ein frommes "Bismillah" zu und beschwor die Verdienste der Vergangenheit.

Etwas mehr als vierzig Prozent der Stimmen hatte die AKP erhalten, das ist viel, aber es ist viel weniger als die angestrebte Zweidrittelmehrheit. Sie hätte es der AKP erlaubt, die Verfassung zu ändern und in der Türkei ein Präsidialsystem einzuführen. Zugeschnitten auf den Machthunger Erdoğans.

Dieser Mann hat in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, dass er sich von allen demokratischen Kontrollen lösen will. Das wurde im Wahlkampf deutlich sichtbar. Die derzeitige Verfassung verpflichtet ihn als amtierenden Präsidenten zur Überparteilichkeit und Distanz zu allen politischen Parteien. Doch Erdoğan führte für seine AKP einen heftigen Wahlkampf in allen Provinzen. Er scheute nicht davor zurück, mit dem Koran in der Hand auf der Bühne zu stehen: Ich bin ein wahrer Muslim!

Als Erdoğan 2002 das erste Mal die Wahl gewann, war er ein strahlender, Hoffnungen weckender Sieger, heute ist er ein düsterer, Furcht einflößender Autokrat – allerdings ein Autokrat, dem sein Volk jetzt Grenzen gezeigt hat.

Die Frage, die sich nun stellt: Kann Erdoğan mit weniger Macht umgehen? In einer ersten Stellungnahme, 48 Stunden nach der Wahl, sagte er: "Der Wille unserer Nation steht über allem!" Das klingt so, als hätte er verstanden.

Die Botschaft, die aus den türkischen Wahlen hervorgeht, ist für die ganze politische Region von Bedeutung. Denn in der Nachbarschaft der Türkei herrscht eine Reihe von Autokraten und Diktatoren, sie reicht von Baschar al-Assad in Syrien über König Salman in Saudi-Arabien, Ali Chamenei im Iran bis zu Wladimir Putin in Moskau. Sie alle werden sich jetzt in ihrer Auffassung bestätigt sehen, dass das Volk ein unberechenbares, renitentes Wesen ist, das man besser unter Kontrolle hält. Sie alle werden auch mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgen, wie es im Land des schwer lädierten Autokraten Erdoğan weitergehen wird.

Die Überraschungsiegerin HDP ist ein Zusammenschluss aus Kurden und linken Gruppen, die alle Minderheiten im Land repräsentieren will, nicht nur ethnisch-religiöse, sondern auch sexuelle Minderheiten und Liberale. Die Wähler haben diese Partei als Vehikel benutzt, um gegen Erdoğans Machtgier zu protestieren. Was die HDP darüber hinaus kann, das muss sich erst weisen. Sie wird zeigen müssen, wie ernst es ihr mit Demokratisierung, Gleichheit und individueller Freiheit ist.

Der wichtigste politische Akteur bleibt freilich die AKP. Als stärkste Partei wird sie mit der Regierungsbildung beauftragt werden. Dafür hat sie 45 Tage Zeit. Da sie die absolute Mehrheit verloren hat, braucht sie einen Koalitionspartner. Die anderen im Parlament vertretenen Parteien sind die alte Atatürk-Partei CHP, das ist eine Art nationalistische Sozialdemokratie; die stramm-nationalistische MHP; und eben die HDP, die sich aus einer kurdischen Klientelpartei zu einer "Partei für die Türkei" entwickelt. Premierminister Davutoğlu hat zwar bereits angekündigt, dass er mit allen Parteien sprechen werde, am wahrscheinlichsten ist aber eine Koalition mit der MHP. Sie hat eine ähnliche Klientel wie die AKP: anatolisch, fromm, konservativ.

Es gibt da allerdings ein Problem: Die Anhänger der MHP sind kurdenfeindlich. Und es war nun eines der zentralen Projekte der AKP, sich mit der kurdischen Guerillaorganisation PKK auszusöhnen. Trotz aller Schwierigkeiten ist tatsächlich ein Verhandlungsprozess in Gang gekommen. Sollte die MHP in die Regierung eintreten, dann würde es schwierig werden, diese Politik der Öffnung fortzusetzen.

Trotzdem bleibt eine Koalition der AKP mit den Nationalisten wahrscheinlich. Denn die Chefs der anderen im Parlament vertretenen Parteien haben bereits ausgeschlossen, mit der AKP zu koalieren.

Theoretisch wäre es möglich, dass Staatspräsident Erdoğan die zweitstärkste Partei mit der Regierungsbildung beauftragt, also die national-sozialdemokratische CHP. Sie hätte aber nur eine Option, die wohl schwierigste: Sie müsste ebenfalls mit der nationalistisch-kurdenfeindlichen MHP sprechen, und die prokurdische HDP müsste diese Koalition tolerieren. Das klingt wie politische Akrobatik, eine ziemlich waghalsige sogar. Doch das Machtstreben Erdoğans hat die politische Landschaft der Türkei ziemlich umgeformt. Der Präsident hat unfreiwilligerweise Kombinationen möglich werden lassen, die gestern noch undenkbar waren.

Viele Anhänger der Atatürk-CHP haben dieses Mal zum Beispiel HDP gewählt, um Erdoğans Machtstreben zu bremsen. Der HDP ist es überdies gelungen, auf dem politischen Markt der Türkei ein neues Angebot zu präsentieren. Sie will keine reine Kurdenvertreterin mehr sein, sondern eine Partei mit einer Botschaft an alle Wähler: An der Unterdrückung der Kurden können wir unser allgemeines Demokratieproblem ablesen, und damit ist die Kurdenfrage eine Demokratiefrage, die alle Bürger angeht. Die meisten Stimmen hat die HDP tatsächlich in Istanbul bekommen – im Westen also, nicht im kurdischen Osten, ihrem Stammland. Davon war sie selbst überrascht.

Möglich ist auch, dass es zu keiner Einigung kommt. Dann müsste es in spätestens sechs Monaten Neuwahlen geben. Die wären riskant. Die Türkei nämlich ist durch die Auseinandersetzungen der letzten Jahre tief gespalten. Die politische Kultur des Landes ist schon in normalen Zeiten von Härte und Kompromisslosigkeit geprägt. Es gibt keine politischen Gegner, sondern nur Feinde. Neuwahlen – das würde ein weiteres Mal Streit und Kampf bedeuten.

Das Land steht spätestens seit den Gezi-Protesten vom Sommer 2013 unter Hochspannung und kommt nicht zur Ruhe. Der damalige Premierminister Erdoğan hatte mit seiner Reaktion auf die Proteste die Gesellschaft polarisiert, ein "Wir" und ein "Die" geschaffen. Heute merkt man im Westen wie im Osten des Landes, dass die Menschen aller Milieus und Schichten das nicht mehr ertragen wollen. Was die Türkei braucht, ist Ruhe und nationale Aussöhnung. Zumindest in der Wahlnacht konnte man das Durchatmen im Land spüren. Entscheidend wird sein, ob der immer noch mächtigste Mann des Landes seinen Bürgern diese Ruhe gönnen wird.