An dem grau geklinkerten Einfamilienhaus ist eigentlich nichts auffällig. Vielleicht die SUVs mit den getönten Scheiben und vielleicht der Minivan älterer Bauart in der Auffahrt. Dennoch ist Garden Ji rund 11.000 Kilometer aus Shanghai angereist, um an diesem bewölkten Freitagnachmittag in dieser stillen Straße am Rande von Omaha, im US-Bundesstaat Nebraska, genau vor diesem Haus zu stehen. Es ist das Haus von Warren Buffett. Wie jeder Fan weiß, hat der große Investor es bereits im Jahr 1958 für 31.500 Dollar gekauft. Dort lebt er immer noch. Garden Ji will seinem großen Vorbild nahe sein – und seine Begeisterung für den amerikanischen Großanleger seiner Freundin Cindy Ding nahebringen. "So ein bescheidenes Haus", staunt sie, wo Buffett doch buchstäblich Milliarden Dollar verdient hat.

Buffetts Bescheidenheit und Vorliebe für Bewährtes ist mehr als ein netter Charakterzug, beides gehört zur Essenz des "Orakels von Omaha". "Wer bewusst mehr für eine Aktie bezahlt, als sie eigentlich wert ist, weil er hofft, sie noch teurer wieder verkaufen zu können, ist kein Investor, sondern Spekulant", lautet Buffetts Motto. Und Spekulanten sind verpönt unter seinen Anhängern. Garden Li sagt, er habe sich von Buffett abgeschaut, immer den Kern eines Unternehmens zu betrachten und sich nicht von aktuellen Kursentwicklungen ablenken zu lassen. Langfristig zu investieren und "die Geschäftsberichte genau zu lesen und zu analysieren", das sei es doch. "Buffett hat diesen ungeheuren Fokus", schwärmt der Mann aus Shanghai.

Kein Konzernchef weckt Gefühle, wie es Warren Buffett tut. Der bald 85-Jährige, der mit seinen stets zerzausten grauen Haaren und der Brille, Modell Kassengestell, wie eine Mischung aus Woody Allen und einem erfahrenen Schuhverkäufer aussieht, ist der erfolgreichste Investor seiner Generation. Sein Vermögen beläuft sich laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes auf 71 Milliarden Dollar, damit ist er der drittreichste Mann der Welt. Buffett hat 83 Prozent davon der Stiftung seines noch reicheren Freundes Bill Gates versprochen.

Der Höhepunkt des Buffett-Kults ist das jährliche Aktionärstreffen. In diesem Jahr feiert das Unternehmen Jubiläum. Wie Buffett die marode Textilfabrik Berkshire Hathaway vor genau 50 Jahren übernahm, zum – nach Apple, Microsoft, Exxon und Google – fünftgrößten Konzern Amerikas umbaute und selbst dabei zu einem der reichsten Männer der Welt wurde, das ist längst Legende.

In seinen Anfangszeiten suchte Buffett, Sohn eines Börsenmaklers, bewusst obskure Unternehmen, deren Aktien verhältnismäßig billig zu haben waren. Er verglich sie mit Zigarrenstumpen, in denen noch ein letzter Zug drin sei. Berkshire Hathaway war eigentlich ein klassisches Beispiel – diese Art der Textilfabrik hatte keine Zukunft in Amerika. Erst mal ließen sich aber noch Gewinne mitnehmen. Buffett hat später selbst eingeräumt, dass es ein "kapitaler Fehler" war, die Textilfirma zum Grundstock seines Konglomerats zu machen, statt sie nach den realisierten Gewinnen wieder abzustoßen. Erst 1985 gab er auf und stellte die Textilproduktion ein, geblieben ist nur die rechtliche Hülle von Berkshire Hathaway.

Später änderte Buffett seine Strategie. Er erkannte, dass auch große und bekannte Unternehmen wie American Express, Wal-Mart oder IBM günstig zu haben sein können, wenn die Mehrheit der Investoren ihren wahren Wert unterschätzt. Viele, die früh investierten, machte Buffett zu Millionären. Die Aktie ist in den 50 Jahren unter Buffetts Führung um sagenhafte 1.826.163 Prozent gestiegen. Anfang der Achtziger lag der Aktienpreis bei 260 Dollar. In den Neunzigern konnte sich Berkshire-Papiere nur in sein Portfolio legen, wer es bereits zu Vermögen gebracht hatte – eine Aktie kostete 30.000 Dollar. Um auch weniger Betuchten das Investment zu ermöglichen, schuf Buffett 1996 eine neue Aktienkategorie: Die sogenannten "Class B"-Anteile notieren heute bei 145 Dollar, während die "Class A"-Aktien inzwischen bei 218.000 Dollar liegen.

Buffetts Hauptversammlung ist wie ein Rockkonzert ohne Musik

Am Samstag, kurz nach Sonnenaufgang, geht die eigentliche Hauptversammlung los – mit einer Parade. Vorneweg marschieren Trommler, ihnen folgen zwei Longhorn-Bullen, die je knapp eine Tonne auf die Waage bringen. Die Cowboys mit den breitkrempigen Hüten und den Silbersporen, die sie reiten, sind Randy Watson und Jamie Morgan – die Chefs von Justin Brands, dem Western-Ausstatter, der zu Buffetts Reich gehört. Ein Viergespann zieht eine Kutsche aus Pioniertagen von Wells Fargo hinterdrein; an dem Finanzkonzern hält der Meister neun Prozent. Dann rollt eine schwere, dunkle Limousine vorbei, aus der Buffett seinen Aktionären zuwinkt. Die Menschen am Straßenrand, die alle stolz ein Schild mit der Aufschrift "Aktionär" um den Hals tragen, winken und rufen. Eine Frau sammelt noch schnell eine Dose und Papierabfall vom Rasen und deponiert sie ordentlich im Mülleimer. Dann streben alle in Richtung Arena.