In diesen Tagen ist es wieder so weit: Waterloo, die kleine Stadt unweit von Brüssel, rüstet sich zur Schlacht. Mehr als 5.000 Uniformierte, 300 Pferde, 100 Kanonen und 3.500 Kilogramm Schwarzpulver! Stolz reiht das Fremdenverkehrsamt die Superlative aneinander. Rückwärts werden die Tage, Stunden und Sekunden gezählt, bis dass der erste Schuss fällt. Am 19. Juni, abends, soll es so weit sein, mit einer kleinen historischen Verspätung. Der Jahrestag selbst, der 18. Juni, ist leider ein Donnerstag; schwierig für die, die anreisen müssen.

Mehr als 120.000 Zuschauer werden erwartet, Schaulustige und Schlachtenbummler aus aller Welt. Einen solchen Aufmarsch hat es in Europa noch nicht gegeben – jedenfalls nicht, seit die großen Schlachten nur noch nachgespielt werden, von geschichtsbegeisterten Statisten in historischen Uniformen. Ihr hehres Ziel ist es, den Zuschauern "auf einem historisch bedeutsamen Gelände Europa zu repräsentieren". Das sind die Worte Klaus Beckerts. Der Deutsche gibt den alten Generalfeldmarschall Blücher; seit vielen Jahren ist Beckert auf diese Rolle abonniert.

Vier Tage lang werden die Soldatendarsteller (neudeutsch: re-enactors) rund um das Schlachtfeld kampieren, genau dort, wo Napoleon vor 200 Jahren auf Wellington traf. Wir nähern uns dem Feld von Osten, von hierher kam auch Blücher mit seinen Truppen, die damals gegen Abend die Entscheidung brachten. Klatschmohn und Brennnesseln säumen den Weg, rechts und links wiegt sich der Weizen im Wind, auf einer Wiese wird an den Tribünen gehämmert. "Versäumen Sie diese Chance nicht!", wirbt noch einmal das Fremdenverkehrsamt: Bei den Darbietungen werde es nicht nur gesellig, sondern "vor allem episch, laut und sehr farbenfroh" zugehen.

150 Kilometer von Waterloo entfernt liegt der Soldatenfriedhof Langemarck. Ein Zipfel Land im Westen Flanderns. Grabplatten unter hohen Eichen erinnern an 44.304 deutsche Soldaten, die hier, an der Westfront, im Ersten Weltkrieg gefallen sind. "Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen", das Zitat des katholischen Arbeiterdichters Heinrich Lersch prangt über dem mächtigen Portal aus rotem Sandstein. Drei Betonunterstände sind erhalten und markieren eine der vielen sinnlosen Linien, um die zwischen 1914 und 1918 bis zum letzten Mann gekämpft wurde. Im April 1915 zum ersten Mal auch mit Chlorgas; noch so ein Jahrestag. Eine Ausstellung im nahen Ypern erinnert an das Verbrechen. Vor dem Soldatenfriedhof in Langemarck steht ein symbolischer Wegweiser, der auf spätere Giftgasattacken verweist, in Halabdscha (Irak) etwa oder Ghuta (Syrien).

Sanfte, weit ausholende Hügel bestimmen die Landschaft des Yserbogens. Wenig Wald, auch in Waterloo, wo sich die Felder noch dichter aneinanderdrängen. Es führt keine direkte Linie von 1815 nach 1914. Napoleons Niederlage und der Erste Weltkrieg, einhundert Jahre liegen dazwischen, die Industrialisierung des Kriegs. Die Schlachten selbst haben wenig gemeinsam, nur ebendies: Die Felder, auf denen gestorben wurde, liegen in Belgien. Aber Belgien selbst kommt meistens gar nicht vor in den Geschichten; das Land ist lediglich der Schauplatz, auf dem sich von Zeit zu Zeit die großen Mächte ausgetobt haben. So war es schließlich auch im Zweiten Weltkrieg, als Hitlers Wehrmacht das Land auf ihrem Weg nach Paris überrannte und später, als alles schon verloren war, in den Ardennen noch einmal eine letzte, verzweifelte Offensive begann. Wieder starben Zehntausende, Amerikaner, Deutsche, Briten.

Als Napoleon im Frühsommer 1815 von Süden her einfiel, gab es Belgien noch nicht. Zwei Jahrzehnte lang, bis 1814, waren die ehemals habsburgischen Niederlande nicht ungern Teil des napoleonischen Reichs gewesen; in Waterloo kämpften Flamen und Wallonen dann auf der anderen Seite, gegen Frankreich. Für die nationale Geschichtsschreibung ist die Schlacht ein eher ambivalentes Datum. Denn Belgien blieb ein Spielball höherer Mächte: Der Wiener Kongress zwang das mehrheitlich katholische Land unter die (protestantische) Krone der Vereinigten Niederlande.

Jetzt, zum 200. Jahrestag, hat in Waterloo ein neues Museum eröffnet. Seine Räume liegen unter der Erde, weil man den Eindruck der historischen Landschaft nicht beeinträchtigen wollte. Recht schmackhaft und mit viel medialem Klimbim wird nun also die Geschichte nacherzählt, von der Französischen Revolution über die Napoleonischen Kriege bis zum Aufmarsch. Die Schlacht selbst gibt es dann in 4-D, auf einer 180-Grad-Leinwand: Kanonen donnern, Pferde stürzen, Blut spritzt. Alles sehr eindrucksvoll – und doch irreal. Am Ausgang liegt ein menschliches Skelett in einer Vitrine, die Bleikugel steckt ihm zwischen den Rippen. Archäologen haben die Gebeine des unbekannten Soldaten vor ein paar Jahren ausgegraben. Man findet immer wieder etwas in der belgischen Erde, in Dikkebus bei Ypern war es neulich ein Versteck mit 500 Granaten. "Eiserne Ernte", sagen die Bauern.

Auf dem Feld von Waterloo starben innerhalb von ein paar Stunden weit mehr als 10.000 Menschen, 35.000 wurden verletzt. Aber die Opfer sind aus der Erinnerung weitgehend verschwunden; das Skelett in der Ausstellung wirkt merkwürdig deplatziert. Geblieben ist heute von Waterloo ein bunter, sorgfältig rekonstruierter Mummenschanz. "Die 200-Jahr-Feier ist reine Performance, ein Event für das Land und die Region. Es wird genauso viel gefeiert wie vergessen", sagt Hubert Roland, der in Löwen Literatur und Geschichte lehrt und in der Nähe von Waterloo zu Hause ist.

Wie anders dagegen erinnert Belgien an den Ersten Weltkrieg! Zwar ist auch in Westflandern um die Schlachtfelder eine rege Gedenkindustrie entstanden, Battlefield Tours und Weltkriegsbier inklusive. Aber auf den Friedhöfen, in Gedenkstätten und Museen werden das Leid und das Entsetzen nicht überspielt, sondern wachgehalten.

"Das öffentliche Trauma für Belgien ist der Erste Weltkrieg", sagt Hubert Roland. La Grande Guerre, der Große Krieg, viel schlimmer als der Zweite. Der Überfall der Deutschen, obwohl man doch neutral war. Die schrecklichen Verbrechen der Besatzer an Tausenden von Zivilisten, die Verwüstung vieler Städte und historischer Stätten, poor little Belgium. Zugleich markiert der Widerstand gegen die Deutschen einen Höhepunkt des ansonsten brüchigen Nationalbewusstseins. David gegen Goliath, Klein gegen Groß – diese Selbstwahrnehmung, sagt Hubert Roland, sei eines der durchgehenden Motive der belgischen Geschichte. Er zieht die Linie zurück bis ins 16. Jahrhundert, bis zu den Grafen Egmond und Hoorn, die den Habsburgern trotzten und auf dem Grand Place in Brüssel dafür hingerichtet wurden.