Spätestens seit Jesaja und Jeremias wird der judäo-christlichen Welt, dem Westen also, der Nieder- und Untergang vorausgesagt. Der Weg in die Hölle sei mit Libertinage und Gottesleugnung gepflastert, neuerdings auch mit Crystal Meth.

Die vier großen und zwölf kleinen Propheten kennt fast niemand mehr. Die Postmoderne gehorcht Nietzsches Genealogie der Moral: "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt." Umso glücklicher dürfen sich nun die paar Aufrechten unter uns schätzen, denen ein neuer Prophet den korrekten Weg weist. Er heißt Wladimir Putin und rangiert im Verdammnis-Segment irgendwo zwischen Hosea und Habakuk.

Regelmäßig brandmarkt er die Dekadenz des Westens, dessen "tiefe moralische Krise". Die "euro-atlantischen Länder" verachten ihre "Wurzeln, zumal die christlichen Werte". Political Correctness hat den Punkt erreicht, an dem Parteien zugelassen werden sollen, die für "Pädophilie eintreten". Die Politik "stellt die klassische Familie mit der gleichgeschlechtlichen Ehe gleich, den Glauben an Gott mit dem an Satan".

Allein ist der 13. kleine Prophet nicht. Auch der Papst verdammt die Homo-Ehe. Doch Putin legt nach. Wider die Erschlaffung des Westens setzt er die militärische Ertüchtigung im Fifa-Format. Laut Newsweek hat Moskau gerade 34 Länder zu den "Weltmilitärspielen 2015" für den August nach Russland eingeladen.

Nicht zum friedlichen Drei- und Hochsprung, sondern zum Wettkampf von Panzern und Jets. Bestimmt werden in der Disziplin "Lautlos Töten" auch die "kleinen grünen Männchen" antreten, die schon im Ukraine-Feldzug Medaillen gesammelt haben. Wie die Fußball-WM wird das Spiel mit dem Krieg an mehreren Orten im Land ausgetragen.

Wieso haben NSA und BND diese neue Bedrohung nicht erkannt? Vor fünfzig Jahren reagierte Amerika auf die "Raketenlücke" mit der atomaren Aufrüstung; heute will der morsche Westen die "Militärspiele-Lücke" nicht wahrhaben. Folglich mokiert sich der frühere NSA-Chef Michael Hayden über die russischen Bomberflüge im Nato-Luftraum. Derlei "Überbleibsel einer versunkenen Ära" gäben bloß ein "schwächliches Abbild früherer sowjetischer Macht her".

Dennoch möge der Westen den Fehdehandschuh aufnehmen, um die Dekadenz-Anklage mit dem gebotenen Hohn zu entkräften. Wie? Besser nicht mit dem zielschwachen G 36 oder mit den paar Leo 2, welche die Bundeswehr noch hat. Die Gegenoffensive muss asymmetrisch sein. Wir rufen die "Weltwirtschaftsspiele" aus und laden Russland ein. In der Disziplin "Kapitalmärkte" treten Euro, Dollar und Yen gegen den asthmatischen Rubel an. Im "Export-Marathon": Toyota und VW gegen Lada. In der Digital-Arena: Apple und SAP gegen ... ja, wen? Im "Wissenschaftszehnkampf": Stanford, Cambridge und ETH contra Moskau und St. Petersburg (im einschlägigen Ranking der Uni Shanghai auf den Plätzen 84 und 301 bis 400). In "Lebenszeit-Langlauf": Japaner werden 15 Jahre älter als Russen.

Die Autoritären haben immer die Vitalität der Demokratien unter-, die Macht ihrer Waffen überschätzt. Umso mehr muss der Westen Jesaja und Jeremias preisen, die ihn die Selbstkritik gelehrt haben. Putin aber fragt nicht: "Was haben wir falsch gemacht?", sondern: "Wer hat uns das angetan?" Der dekadente Westen.