Anfang 1995 war ich gerade frischgebackener Titanic-Chefredakteur, da rief mich Layoutchef Tom Hintner in seinen Maschinenraum, er müsse mir mal was zeigen. Eine Mappe sei eingetroffen, von einem Nürnberger Kunststudenten, sehr schöne Sachen, aber er wisse nicht genau, was man damit anfangen solle. Die große, grüne Mappe von einem gewissen Wolfgang Herrndorf war übervoll mit den verschiedensten Arbeiten, Comics, Cartoons, Illustrationen, Studien, Scribbles – viel mehr, als man normalerweise bei einer Zeitschrift einreichen würde. Die über allem schwebende Mitteilung der Mappe: "Seht her, was ich kann."

Es mangelte und mangelt der Titanic nicht an Zeichnern, die eher spartanisch, reduziert, oder sagen wir besser: fürs Auge unergiebig zeichnen; was nicht als Vorwurf zu verstehen ist, denn in der Regel soll ja die Pointe im Vordergrund stehen. Da freute man sich umso mehr über einen, der dem Auge richtig viel bot. Der neue Mitarbeiter Herrndorf wurde schnell zur Geheim- und Allzweckwaffe für die Redaktion, denn er konnte schlechterdings alles: Kolumnen illustrieren, Witze machen, erratische doppelseitige Gemälde hinzaubern, sodass man sich in Frankfurt darum stritt, wer als Erster die neue Herrndorf-Lieferung begutachten durfte.

Begeistert waren wir, als wir 1996 einen echten Vermeer in der Post fanden. Wie auf fast allen Fensterbildern des niederländischen Großmeisters kam das Licht mild von links ins Bild gesickert, die zentrale, einen Brief lesende Figur war aber weder ein Mädchen mit Perlenohrring noch eine sonst wie hausarbeitende Magd, sondern eine große, massige, schwarze Profilgestalt, die eindeutig die Züge Helmut Kohls trug. Herrndorf hatte das Werk ohne Auftrag gemalt, vielleicht weniger um des Witzes als um einer Verbeugung willen – vor seinem Hausgott Jan Vermeer van Delft. Seine Fertigkeiten zeigt der Maler dann auch gar nicht an der Porträtfigur, sondern anhand der leicht verknitterten alten Landkarte an der Wand, auf deren Rissen, Falten und Blessuren er das Licht selbstvergessen tanzen lässt. Wir brachten Herrndorfs Kohl-Vermeer als gefaktes Ausstellungsplakat und wollten sofort mehr davon.

Es waren die Spätjahre des Kohl-Regimes, und zu der Zeit funktionierte das von der Titanic entwickelte Kohl-Konzept noch bestens: Das figurative Abbild des Pfälzer Kanzlers stand gar nicht mehr für Kohl selbst, es diente nur noch als zu füllende Leerstelle für einen Witz. Mit Kohl drin oder drauf war einfach alles komisch. Weil das "Klassiker Kohl"-Prinzip so gut funktionierte, schuf Herrndorf im Fortgang noch weitere Blätter, zeigte den designierten Altkanzler in Szenarien à la manière de Magritte, Spitzweg, Baselitz, Cranach und anderen, die der Haffmans Verlag, für den Herrndorf inzwischen fleißig Umschläge und Illustrationen schuf, zu einem extrem erfolgreichen Kalender kompilierte.

Diese und andere Bilder Herrndorfs kennt man bereits – noch nie zu sehen waren allerdings die nun in der Ausstellung des Berliner Literaturhauses erstmals gezeigten Frühwerke aus seiner Studienzeit: der späte Renaissancekünstler Herrndorf selbst als erlösergleiche Zentralfigur, allerdings nicht im dürerschen Pelzrock, sondern mit Bohrmaschine und Bohrfutterschlüssel; spitzweghafte Studien der eigenen Zimmergruft; meisterliche Landschaftsstudien nach der Natur. Da ist jede Linie, wo sie hingehört.

Während Herrndorf Ende der neunziger Jahre für die Titanic und andere malte und zeichnete, geschah etwas Merkwürdiges. In der Sammelrubrik Briefe an die Leser, mit der die Titanic seit ihrer Gründung 1979 das monatliche Satiretheater eröffnet, fiel mir ein besonders komischer Brief auf, in dem der Musikkritiker Diedrich Diederichsen auf vorbildlich plumpe Weise angepöbelt wurde. Ich fragte Thomas Gsella, der die Rubrik damals betreute, von wem denn der Brief stamme. "Vom Herrndorf", meinte er, "der hat schon öfter welche geschickt, alle ziemlich lustig." So waren nicht nur die ersten Bilder, sondern auch die ersten Texte Herrndorfs in der Titanic zu bestaunen. Natürlich ist es ganz schön peinlich, die ersten Veröffentlichungen ausgerechnet in einem Satiremagazin unterzubringen, man ist dann in der schlechten Gesellschaft von Gestalten wie Hamsun, Rilke, Polgar, Mühsam, Kraus, Tucholsky oder den Gebrüdern Heinrich und Thomas Mann.

Was in der Folge geschah, wissen wir: Der Hamburger Nürnberger, der inzwischen in Berlin wohnte, war vom Maler zum Autor geworden, betextete fleißig das Internetforum Wir höflichen Paparazzi, debütierte 2002 mit seinem ersten Roman und ließ über dem Schreiben das Malen und Zeichnen immer mehr sein. Als Schriftsteller lebte er seinen Drang und sein Talent nicht mehr zwei-, sondern mindestens vier- bis sechsdimensional aus, das schien ihm wesentlich besser zu gefallen. Der Literaturkritiker Michael Maar wies im Merkur im Rahmen seiner so expliziten wie exquisiten Analyse des Romans Sand auf den Umstand hin, dass Herrndorf wohl immer Maler geblieben sei und lediglich die Disziplin gewechselt habe. Besonders beeindrucken den Kritiker "die Kraft seiner Imagination, die sprühende Intelligenz, die jede Seite tränkt, und der Reichtum der Details. Herrndorf hat als Maler begonnen und sein Ingenium in die andere Disziplin hinübergerettet: Alles in der flirrenden Wüstenhitze ist hier gesehen, nichts nur behauptet, nichts ohne Farbe, scharfen Schatten und Textur." Und so ist Sand, neben allem anderen, auch ein unendlich detailreiches, mehrfach in sich verschachteltes Bild – ein Vexierbild.

Detailreich und rätselhaft ist aber auch mein Herrndorfsches Lieblingsbild, möglicherweise das unscheinbarste der Ausstellung. Ende der Neunziger startete ich im Heft eine kleine Bildrubrik mit der Frage: Wie sieht die menschliche Seele aus? Sie lief über zwei Jahre hinweg, und von Robert Gernhardt über Loriot und Christoph Schlingensief bis hin zu Oliver Bierhoff beteiligten sich viele an dieser kleinen Zeichenaufgabe, aufgefordert und unaufgefordert. Eines Tages lag einer bestellten Herrndorf-Zeichnung ein kleines, unbestelltes Bildchen bei. Und diese Seele, die Herrndorf da hingemalt hat – müßig, zu überlegen, ob das seine, meine oder halt eine ist –, dieses Bild von einer Seele, das hätte wohl nicht mal der Zeichner respektive der spätere Autor in Worte fassen können. Schon gar nicht in dieser Nacht über dem Rosenthaler Platz.

Mache sich jeder selbst einen Reim darauf oder ein Bild davon – ich finde dieses Bildchen vor allem auch: lustig. Denn da ist sie wieder: diese flirrende, sarkastische, gallige Komik des Wolfgang Herrndorf. Und die ist tröstlicher und unvergänglicher als jede Seele.

Oliver Maria Schmitt war von 1995 bis 2000 Chefredakteur der "Titanic". Dies ist die gekürzte Fassung einer Rede, mit der er die Ausstellung "Bilder" zu Wolfgang Herrndorfs malerischem Werk im Berliner Literaturhaus eröffnen wird (Laufzeit: 13. Juni bis 16. August 2015)

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