Es ist nicht leicht, auf unübersichtlicher Landstraße stundenlang hinter einem Getränketransporter herschleichen zu müssen, der nicht überholt werden kann. Noch schwerer wird es, wenn der Laster auf seinem Heck in Riesenlettern verkündet "Ich habe Durst". Alkoholiker werden den Satz jederzeit nachvollziehen können, aber was ist mit den anderen? Den anderen kann die Botschaft, die angesichts eines drückend heißen Sommertages vielleicht zunächst noch spontan einleuchtete, schnell zu einem quälenden Rätsel werden. Wer hat hier überhaupt Durst? Der Laster oder sein Fahrer? Und wenn es der Fahrer ist, warum hält er nicht an und genehmigt sich einen Schluck aus den Flaschen, die er im Übermaß mit sich führt? Oder sind am Ende die Flaschen alle leer, und der Fahrer ist eilig, aber mit der Bitte um Nachsicht und Geduld, auf dem Weg zu einer Getränkequelle, aus der sie zu füllen wären? Oder – bitterste Möglichkeit – hat der Fahrer eine solche Quelle gar nicht zur Verfügung, sondern geht uns, die wir seinen Hilfeschrei lesen, um eine Spende an, den Durst zu löschen? Will er sagen: Schaut, ich habe den Wagen voller Flaschen, aber trotzdem nicht zu trinken? Ist der Fahrer am Ende transzendental obdachlos? Oder ein verzweifelt Glaubender, den es nach himmlischer Gnade dürstet? Dem Getränketransportfahrer ist, so viel wird von Kilometer zu Kilometer klarer, auf Erden wahrscheinlich nicht zu helfen. Aber seinem Lkw – falls dieser es ist, der in Ich-Form von sich spricht – auch nicht. Es gibt auf den ganzen sechzig Kilometern dieser Landstraße, die ins Wendland führen, durch das sich sonst die Castortransporte mit ihren ausgebrannten Brennstäben schleppen, keine einzige Tankstelle. Nicht einmal der Durst der Motoren wird hier gestillt. Ein Panorama der Aussichtslosigkeit baut sich auf vor allen, die dem Lastwagen folgen. Er ist beladen mit einem Unglück, das wir alle – vielleicht ist dies der Kern der Botschaft – kennen sollten. "Ich habe Durst" heißt: Jeder von uns hat ein dürstendes Selbst. Auch wir werden von einem Laster des Unglücks auf dem Weg der Erlösung behindert. – Wahrscheinlich ist es diese allegorische Szenerie, die man vor Augen haben muss, um eine ganz andere Botschaft an ganz anderem Ort zu verstehen. Ein Getränkemarkt in Berlin-Kreuzberg verkündet jedem, der sich ihm – ernüchtert oder ängstlich – nähert, in nicht minder großen Lettern: "Da lacht der Durst". Ja, da lacht er, nämlich über sich selbst und seine törichte Verzagtheit, niemals gestillt zu werden. Denn es wird am Ende doch immer alles, alles gut. Prost!