Die deutsche Idee, die Mexiko erobert hat, feuert zwölf Patronen in der Sekunde und ist tödlich. Ein Sturmgewehr in Tarnfarben, 88,7 Zentimeter lang, 3,89 Kilo schwer. Es ist der 16. September 2006, der mexikanische Nationalfeiertag, als der General die Waffe vor seiner Brust hält. Man kann es heute noch in Videos sehen: Er steht in einem Panzer und fährt über den zentralen Platz von Mexiko-Stadt, hinter ihm marschiert seine Armee, jeder Soldat hält eines dieser Gewehre in den Händen. Eine Blaskapelle spielt die Nationalhymne. Hinter den Absperrungen drängeln sich die Zuschauer, sie filmen und fotografieren die Männer und Frauen in Uniform, den Panzer, die Waffen. Jedes Jahr hält die mexikanische Armee diese Parade ab, gedenkt damit der Unabhängigkeit des Landes von den Spaniern. Aber etwas ist anders in diesem Jahr: Die Gewehre sind neu, kleiner als die alten, moderner.

"Unser erstes eigenes, mexikanisches Gewehr", wird der General später sagen. "Das FX-05, Spitzname Feuerschlange."

"Auf keinen Fall mexikanisch", empören sich Waffenexperten in Onlineforen. "Das ist ein deutsches Gewehr. Ein Klon des G36."

Die Waffe, die der General an diesem Tag präsentiert, ähnelt der Standardwaffe der Bundeswehr. Hergestellt von Heckler & Koch. Das mittelständische Unternehmen in Oberndorf am Neckar gilt als einer der weltweit führenden Produzenten von Gewehren und Pistolen. Die Firma ist seit Jahrzehnten der Hoflieferant der Bundeswehr.

Wie aber konnte ein deutsches Gewehr nach Mexiko gelangen – in ein Land, in dem sich Drogenbanden und das Militär bekriegen, in dem Menschenrechte nichts gelten? Wer hat daran verdient? Und ist es wirklich deutsch – oder doch mexikanisch? Um diese Fragen zu beantworten, hat sich die Zeit auf Spurensuche in Mexiko und Deutschland begeben. Und ist dabei auf Widersprüche und Lügen gestoßen, die die deutsche Rüstungs- und Exportpolitik infrage stellen.

Anders als Hersteller von Spielzeug oder Kleidung dürfen Rüstungsfirmen wie Heckler & Koch ihre Produkte nicht ohne Genehmigung der Bundesregierung ins Ausland verkaufen, dort Fabriken aufbauen oder Lizenzen zum Nachbau vergeben – so schreiben es das Kriegswaffenkontroll- und das Außenwirtschaftsgesetz vor. Die Bundesregierung wiederum will nur genehmigen, was ihren "Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen" entspricht. Sie sehen vor, dass Deutschland keine Waffen in Krisengebiete oder in Staaten liefert, in denen Menschenrechte verletzt werden, also Staaten wie Mexiko.

Seit neun Jahren führt Mexiko einen "Krieg gegen die Drogen", einen Krieg, in dem mehr als 100.000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden, in dem der Staat die Drogenkartelle angreift und die Kartelle untereinander kämpfen. Und in dem nicht immer ganz klar ist, wer zu den Guten gehört und wer zu den Bösen. Denn viele Sicherheitskräfte stehen auf den Gehaltslisten der Kartelle, sie sind Kriminelle in Uniform.

Wie eng mexikanische Behörden und Drogenbanden zusammenarbeiten, zeigte sich im September des vergangenen Jahres in der mexikanischen Stadt Iguala, als lokale Polizisten auf drei Reisebusse schossen, in denen Studenten saßen. Sechs Menschen starben bei dem Angriff, 43 Studenten verschwanden; die Polizei übergab sie laut eigenen Aussagen einem Drogenkartell, dessen Anführer inzwischen behaupten, die Studenten ermordet zu haben. Als Drahtzieher gilt der örtliche Bürgermeister, der offenbar verhindern wollte, dass die Studenten eine Wahlkundgebung stören. Der Fall erregte weltweit Aufsehen.

Nach den Grundsätzen der Bundesregierung hätte eine deutsche Waffe also nicht nach Mexiko gelangen dürfen. Die Geschichte des FX-05-Gewehrs zeigt, dass es Methoden gibt, die deutschen Regeln und auch die Exportgesetze zu umgehen. Dass eine Waffe mit deutschen Teilen auch ohne Ausfuhrgenehmigung nach Mexiko kommen kann: indem man Rohmaterialien exportiert und Maschinen, um sie zu bearbeiten. Die Geschichte des FX-05-Gewehrs zeigt, wie eine deutsche Idee, einmal in die Fremde exportiert und auf der anderen Seite des Ozeans gepflanzt, dort nicht wieder verschwindet, sondern ein Eigenleben entwickelt, das sich von den Ideengebern nicht mehr kontrollieren lässt.

Auch deutsche Ermittler wollen jetzt wissen, wie groß der deutsche Anteil an dem Gewehr ist. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart führt ein Vorermittlungsverfahren, Aktenzeichen 143 Js 19554/14. Sie prüft, ob im Fall des FX-05 gegen deutsches Recht verstoßen wurde. Jürgen Grässlin hatte im Februar 2014 eine Strafanzeige gegen Mitarbeiter von Heckler & Koch gestellt wegen des Verdachts eines "nicht genehmigten Technologietransfers/Lizenz für G36/FX-05". Grässlin ist Vorsitzender des Rüstungsinformationsbüros in Freiburg, eines Vereins, der Rüstungsexporte aufdecken will, um Kriegsverbrechen zu verhindern. Er ist sicher, dass die Mexikaner das Gewehr nicht allein entwickelt haben. Heckler & Koch dürfte aber kein Interesse haben, dass anderswo ein Konkurrent des eigenen Sturmgewehrs produziert wird. Doch wer hat den Mexikanern dann geholfen?